Der Schlussakkord

von Redaktion

Münchens OB Dieter Reiter äußert sich heute zur Zukunft von Valery Gergiev

VON KATRIN BASARAN UND MICHAEL SCHLEICHER

Ein Schweigen sagt manchmal mehr als tausend Worte: Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe hatte sich Valery Gergiev, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, noch nicht zum Ultimatum der bayerischen Landeshauptstadt geäußert. Wie berichtet, hatte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) den russischen Maestro am Freitag aufgefordert, sich vom russischen Präsidenten Wladimir Putin und dessen Einmarsch in die Ukraine deutlich zu distanzieren. Andernfalls drohte er mit dem Rauswurf. Reiter setzte Gergiev eine Frist von drei Tagen; dieses Ultimatum lief am Montag um Mitternacht ab. Der SPD-Politiker ließ auf Anfrage gestern Nachmittag mitteilen, dass er sich heute zur Causa äußern werde.

Nägel mit Köpfen hat derweil die Münchner Künstleragentur „Felsner Artists“ gemacht – und sich vom Dirigenten getrennt: „Vor dem Hintergrund des verbrecherischen Krieges, den das russische Regime gegen die demokratische und unabhängige Nation der Ukraine und gegen die gesamte offene europäische Gesellschaft führt, ist es uns unmöglich und unlieb geworden, die Interessen von Maestro Gergiev zu vertreten“, teilte Agenturchef Marcus Felsner schriftlich mit. Die Entscheidung breche ihm das Herz, schrieb er weiter. Gergiev sei einer der größten Dirigenten unserer Zeit, „ein visionärer Künstler, den viele von uns lieben und bewundern“, der aber „seine seit Langem ausgedrückte Unterstützung für ein Regime, das inzwischen Verbrechen begeht, nicht öffentlich beenden wird oder kann“.

Als Reaktion auf den russischen Einmarsch in die Ukraine hat auch die New Yorker Metropolitan Opera angekündigt, vorerst nicht mehr mit Künstlern oder Institutionen zusammenarbeiten zu wollen, die Putin unterstützen. „Wir glauben zutiefst an die warme Freundschaft und den künstlerischen Austausch, den es schon lange zwischen Künstlern und künstlerischen Einrichtungen in Russland und den USA gibt“, teilte Peter Gelb, Direktor des Hauses, in einer Video-Botschaft mit. „Wir können aber nicht mehr länger mit Künstlern oder Institutionen zusammenarbeiten, die Putin unterstützen oder von ihm unterstützt werden.“ Nach dieser Vorgabe werde sich die Met richten, bis „die Invasion und das Töten zu Ende sind, Ordnung wieder eingeführt wurde und Restitutionen vorgenommen wurden“. Konkrete Künstler oder Einrichtungen, die davon betroffen sind, nannte Gelb nicht – allerdings hat sein Haus in der Vergangenheit immer wieder mit Gergiev gearbeitet.

Kein Beobachter rechnet wirklich mit einem klaren Bekenntnis des 68-Jährigen gegen den russischen Einmarsch. Gergiev gilt als Anhänger und enger Freund des russischen Präsidenten – was ihm in der Vergangenheit regelmäßig Kritik einbrachte: So dirigierte er etwa 2008 das Siegeskonzert nach dem Krieg Russlands gegen Georgien, 2014 unterschrieb er einen Appell zur Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und stand 2016 in Palmyra bei einem Konzert am Pult, mit dem syrische und russische Truppen die Eroberung der Stadt feierten. Putin dankte mit Wohlwollen und Geld – etwa für Gergievs Sankt Petersburger Mariinsky-Theater.

Nicht nur München, auch Kulturinstitutionen wie die Mailänder Scala oder das Festspielhaus Baden-Baden forderten von Gergiev klare Kante gegen den Machthaber im Kreml. Und während der Intendant der Hamburger Elbphilharmonie, Christoph Lieben-Seutter, noch droht, die an Ostern geplanten Konzerte mit Gergiev abzusagen, hat das Lucerne Festival am Vierwaldstättersee in der Schweiz den Dirigenten ausgeladen. Er sollte am 21. und 22. August mit dem Mariinsky-Orchester in Luzern auftreten. Man wolle ein klares Zeichen für Solidarität mit den Menschen in der Ukraine setzen.

Wie russische Künstler Haltung ohne große Worte zeigen können, bewies am Wochenende der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in Berlin: Wladimir Jurowski änderte das ursprünglich rein russische Programm seines Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin und spielte unter anderem die ukrainische Nationalhymne auf eine Melodie des ukrainischen Komponisten Mychajlo Werbyzkyj (1815-1870). Jurowski erklärte zu Putins Krieg: „Ich bin zutiefst entrüstet über diese Aktion, aber auch extrem traurig, weil ich durch meine Familiengeschichte mit beiden Ländern verbunden bin.“

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