Zehn Jahre ist dieses Buch alt, und dennoch lohnt es sich, es gerade jetzt aus dem Regal zu nehmen – oder es zum ersten Mal zu lesen. „Berichte aus der Ukraine“ hat Igort sein Werk nüchtern genannt. Und nichts anderes hat der 1958 als Igor Tuveri geborene Italiener hier versammelt: die Lebensberichte von vier Menschen, die zwischen 1925 und 1939 in der Ukraine geboren wurden. Wer die bildgewaltige Graphic Novel des Autors und Zeichners liest, wird lange daran denken (müssen), was Serafima, Maria und den beiden Nikolais widerfahren ist. Und er wird die Nachrichten, die uns heute vom russischen Krieg in der Ukraine erreichen, in einen größeren Zusammenhang stellen können.
Igort lebte 2008 und 2009 mehrere Monate im Land, bereiste zudem Russland und Sibirien. Für seine Comic-Reportage sprach er mit Zeitzeugen des Stalinismus. „Die Geschichten sind wahr“, schreibt er, sie „handeln von Menschen, die ich zufällig auf der Straße getroffen habe und denen das Schicksal zuteilwurde, in den Fängen des Eisernen Vorhangs geboren worden zu sein.“ Diese Geschichten führen immer wieder zurück in die Dreißigerjahre: zum Holodomor, dem „Töten durch Hunger“, also zu der von Stalin provozierten, geplanten und befeuerten Hungersnot 1932/33. „Entkulakisierung“ nannte Moskau die Maßnahme, mit der die ukrainischen Großbauern getroffen werden sollten. Und Großbauer war, wer mindestens zwei Kühe besaß.
In erdigen Farben, mit intensiver Schraffierung findet Igort berührende Bilder für das Erzählte, für das Leid, den Terror, die Verzweiflung, den Wahnsinn. Bilder, die kaum zu ertragen sind, vor allem, wenn der Künstler die körperlichen und seelischen Qualen der Leute herausarbeitet. Diese einzelnen biografischen Steinchen kombiniert er mit gründlich recherchierten, plastisch aufbereiteten historischen Fakten zu einem Gesamtbild, das einen differenzierten Blick erlaubt.
Igort:
„Berichte aus der Ukraine“. Aus dem Italienischen von Giovanni Peduto. Reprodukt Verlag, Berlin, 180 Seiten; 24 Euro.