Er ist einer der wichtigsten Regisseure unserer Zeit – und hat seltsamerweise noch nie an der Bayerischen Staatsoper inszeniert. Sein Debüt gibt Stefan Herheim nun mit „Peter Grimes“ von Benjamin Britten: Ein Fischer wird verdächtigt, seine Lehrbuben zu quälen. Als einer stirbt, kann man Grimes nichts beweisen. Nach einem weiteren Todesfall flieht er vor der wütenden Dorfgesellschaft aufs Meer. Premiere ist am Sonntag. Es dirigiert Edward Gardner.
Warum debütieren Sie erst jetzt in München?
Sowohl Sir Peter Jonas als auch Nikolaus Bachler haben mich eingeladen, aber leider immer zu kurzfristig. Dabei habe ich stets davon geträumt, am Nationaltheater zu arbeiten. Ich habe viele Verwandte in Bayern, und als ich mit elf oder zwölf hier im Urlaub war, bekam ich einen Stehplatz seitlich weit oben für den „Rosenkavalier“. Ich habe kaum die Bühne gesehen, dafür aber Carlos Kleiber. Und ich habe mich in dieses Haus unsterblich verliebt. Für mich ist es das schönste Opernhaus der Welt: Es hat eine überwältigende Grandezza, und doch erlebt man Oper hautnah, nicht zuletzt dank der fantastischen Akustik. Als mich Serge Dorny einlud, war meine Freude umso größer, weil wir uns schnell auf das Stück „Peter Grimes“ geeinigt haben, das hier seit über 20 Jahren nicht mehr auf dem Spielplan stand.
Es gibt Opern, die dank ihrer Kraft fast von selbst funktionieren. „Tosca“, „Wozzeck“ und eben „Peter Grimes“. Wie kann man dem als Regisseur etwas entgegensetzen?
Gegen ein Werk zu arbeiten ist nicht meine Sache. Auch bei den sogenannten Literaturopern ist die Musik das maßgebliche, dramatische Medium. Selbst ein „Peter Grimes“ gerät langweilig, wenn die Regie nicht von der musiktheatralen Effizienz, Ökonomie und Doppeldeutigkeit Brittens inspiriert ist.
Nehmen wir mal an, es wäre zum Prozess gegen Grimes gekommen. Wäre er verurteilt worden? Und wenn ja: weswegen?
Das ist genau das Thema dieses Stücks. Da niemand etwas Stichhaltiges gegen Grimes in der Hand hat, kann es kein Gerichtsurteil, sondern nur ein Gerüchtsurteil geben. Grimes selbst ist sich keiner Schuld bewusst. Das Stück ist keine Charakterstudie eines vermeintlichen Kindermörders oder Soziopathen. Mit Blick auf die Homosexualität Benjamin Brittens und seines Lebenspartners Peter Pears, für den er die Titelrolle schrieb, ist es naheliegend, alles auf die gesellschaftliche Intoleranz gegen tabuisierte sexuelle Orientierungen zu fokussieren. Mein hochgeschätzter Kollege Christof Loy hat dies vor nicht allzu langer Zeit an meinem künftigen Haus, dem Theater an der Wien, getan und theatralisch phänomenal eingelöst. Seine Lesart beantwortet bestimmte Fragen bezüglich Grimes Andersartigkeit. Mich interessieren aber die maßlose Anpassungsfähigkeit und das normative Verhalten aller anderen. Jene, die Grimes als Abladeplatz für alles benutzen, wovor sie Angst haben.
Also sehen Sie das Stück als Studie über ein kränkelndes Gesellschaftssystem, in dem Grimes vor allem als Katalysator dient?
Absolut. Man kann Grimes kaum greifen, als Außenseiter steht er wie im Auge des Sturms. Alle anderen kreisen um ihn. Und wer dem Strom nicht folgt, gerät selbst in Verdacht. Jeder hat Leichen im Keller. Und so stehen dieses Fischerdorf und seine Bewohner eigentlich für die Welt und die Menschheit per se. Das wird aber nicht mit moralisierendem Zeigefinger, sondern mit einem humanistischen Blick auf jeden Einzelnen gezeigt – so sehr es auch an Nächstenliebe und Vertrauen unter ihnen mangelt. Niemand wagt es, am Status quo etwas zu ändern. Das macht „Peter Grimes“ so tragisch und so aktuell.
Britten und Janáček gelten als Kassengift. Das ist doch paradox: Die Leute werden erschüttert, aber richtig im Repertoire verankert haben sich die Stücke nie.
Es ist natürlich etwas anderes, wenn wir die bunte Armut der Pariser „Bohème“ kulinarisch serviert bekommen oder wenn Violetta in „La traviata“ unter glänzenden Lüstern mit virtuosen Trillern ihr zartes Leben für uns aushaucht. In „Peter Grimes“ haben wir es sowohl mit einer materiellen als auch mit seelischer Armut zu tun. Das Stück ist nicht nur sozialkritisch, sondern von einer verunsichernden Doppeldeutigkeit und Brutalität durchsetzt. Viele wollen mit einem Opernbesuch nicht auf dieses mehrfach anstrengende Level runtergezogen werden. Sie wollen nach den Sternen greifen. Genau das tut auch Peter Grimes als Figur – und scheitert kläglich.
Regisseure wie Peter Konwitschny sagen, die Probenarbeit bedeute für sie die eigentliche Welt. Ist das nicht auch Realitätsflucht?
So wie ich Peter Konwitschny kenne und schätze, meint er das Gegenteil von dem, was Sie Realitätsflucht nennen. Und dies, weil ihm in der Probenarbeit echte Begegnungen mit Menschen ermöglicht werden, die sich gemeinsam und bewusst in Beziehung zur Welt setzen wollen. Daher verstehe ich Peter gut, denn in unserer Arbeit geht es ganz grundsätzlich um ein Denken und Fühlen, um ein Wir, das ich sonst in der Welt vermisse. Aber dieser Anspruch geht auf den Opernbühnen dieser Welt immer mehr verloren. Die Institution Oper schafft es immer weniger, diesen künstlerischen Raum und Verhältnismäßigkeit zu wahren – etwas, was das Gesamtkunstwerk Oper braucht. Deshalb übernehme ich die künstlerische Leitung des Theaters an der Wien. Ein Stagionebetrieb, in dem es nicht immer und primär um den Betrieb per se geht, sondern darum, wofür der Opernbetrieb institutionalisiert wurde.
Sie sind bekannt dafür, dass Sie ein Opernhaus mit Ihrer Arbeit an Grenzen bringen. Wird sich Ihr Stil ändern, wenn Sie als Intendant auf der anderen Tischseite sitzen?
Vor allem um meine künstlerischen Ansprüche als Regisseur nicht weiter zurückstellen zu müssen, werde ich Intendant. Natürlich ist diese Doppelrolle ein Spagat. Aber der ist mir lieber als die Schizophrenie, für Inszenierungen engagiert zu werden von Auftraggebern, die zufrieden sind, wenn dein Name auf dem Plakat steht und die nicht einsehen, dass mit diesem Namen eine Verpflichtung kommt. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bekomme wunderbare Aufträge an tollen Häusern mit großartigen Künstlern – wie hier in München. Das Problem entsteht, wenn dieses Potenzial durch Misskommunikation und bürokratische Routinen, die regelrecht kunstfeindlich sind, nicht freigesetzt werden kann. Nach 20 Jahren als Freiberufler habe ich den Eindruck, dass es Zeit ist, Verantwortung auf administrativer Seite zu übernehmen, auch um zu gewährleisten, dass ich mich als Künstler innerhalb des Betriebs erneuern kann. Es sollte in der Kunst doch im Grunde darum gehen, dass wir uns infrage stellen.
Als gelernter Opernregisseur mit guter Notenkenntnis gehören Sie eigentlich zu einer aussterbenden Spezies.
Ja, ich betrachte mich selbst als einen Dinosaurier, jedenfalls was das Handwerk betrifft. Ich habe eine Professur in Oslo und kriege auch an anderen Opernakademien mit, wie manche Gesangsstudenten selbst nach neun Jahren Studium wenig Gefühl für Atem haben, kaum Noten lesen können und null Repertoirekenntnisse mitbringen. Und doch erwarten sie, dass sie jemand entdeckt und auf die große Bühne bringt. So funktionieren inzwischen auch manche Sänger-Agenturen: Talente werden sofort in große Rollen geworfen, oft viel zu früh und ohne ein seelisches und technisches Fundament. Von handwerklichen und geistigen Defiziten unter Regisseurinnen und Regisseuren kann ich auch so manch ein Lied singen, aber das tun so viele bereits, also lasse ich’s. Dirigentinnen und Dirigenten dagegen kommen meist ohne Schelte davon, auch wenn sie es verdient hätten. Schließlich spiegelt das Niveau der Oper die Gesellschaft wider. Letztere ist recht infantil, und die Vertiefung, die Oper impliziert, hat heute keine Hochkonjunktur. Man will schlichtweg Unterhaltung.
Nikolaus Harnoncourt sagte mit Blick aufs Kulturleben: Dieses sei wie ein abgestorbener Baum, an dem es ein paar grüne Äste gebe – doch eigentlich seien das Angsttriebe. Dafür funktioniert doch noch alles zu gut, oder?
Es ist die Frage, wie man Funktionieren definiert. Wahre Kunst oder künstliche Ware gilt heute als Geschmacksfrage und ist kaum Teil eines öffentlichen Diskurses. Die Angstkultur greift um sich und macht das, was mich glücklich macht, immer schwerer: mich zur Welt in Beziehung zu setzen. Am reichsten, intelligentesten und am schönsten gelingt es mir aber immer noch im Musiktheater.
Das Gespräch führte Markus Thiel.