Ein Fest für die Ohren

von Redaktion

Edgar Selge wurde gestern Abend mit dem Deutschen Hörbuchpreis geehrt

Im Herbst vergangenen Jahres legte der preisgekrönte Charakterdarsteller Edgar Selge sein literarisches Debüt vor: In „Hast du uns endlich gefunden“ lässt der heute 73-Jährige einen Zwölfjährigen über dessen Kindheit im Jahr 1960 erzählen (wir berichteten). Der Roman, der autobiografische Züge trägt, wurde von Selge selbst eingelesen und als Hörbuch veröffentlicht – dafür wurde der Schauspieler gestern Abend mit dem Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie „Bester Interpret“ ausgezeichnet. Wir haben mit dem Preisträger gesprochen – auf seinen Wunsch geben wir das Interview mit Gendersternchen wieder.

Herzliche Glückwünsche zum Deutschen Hörbuchpreis. Zwischen all Ihren Ehrungen und Auszeichnungen, die Sie schon bekommen haben: Welchen Stellenwert nimmt dieser Preis ein?

Ehrlich, ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. In meinem Leben habe ich nicht viel Hörfunk gemacht und vor allem noch niemals ein Buch eingelesen. So kam es mir gar nicht in den Sinn, dass mein eigenes Buch preiswürdig sein könnte.

Wie fühlt es sich an, ein Stück der eigenen Geschichte, des eigenen Lebens zwar fiktional, doch mit autobiografischen Zügen laut vorzutragen?

Es war nicht so einfach, den richtigen Ton zu finden. Der Erzähler ist ein zwölfjähriger Junge, und der ist natürlich eine Kunstfigur, denn ich, der Autor, bin 73. Man könnte sagen, dieser Zwölfjährige ist eine Rolle, gespielt von einem alten Mann. Das war schon beim Schreiben nicht leicht. Ich wollte eben nicht, dass ein Erwachsener von seiner Kindheit erzählt, sondern ich wollte, dass ein Kind berichtet, was ihm passiert und was es erlebt. Nach diesem Ton habe ich sehr lange gesucht und habe ihn erst nach zwei Jahren Schreibarbeit gefunden. Wäre mir das nicht irgendwann gelungen, gäbe es dieses Buch nicht. Beim Lesen im Studio sollte dieser komplizierte Vorgang möglichst mühelos und natürlich rüberkommen.

Wie bereitet man sich auf so etwas vor? Kapitelweise?

Ja, schon. Man versetzt sich wieder in den Schreibzustand hinein. So tritt man dann vors Mikro. (Lacht.) Ich hatte nun allerdings gegenüber Kolleg*Innen, die etwa Tolstoi oder Proust einlesen, den großen Vorteil, dass ich jeden Satz kenne. Ich wusste immer ziemlich genau, welche Impulse im nächsten Satz auf mich zukommen.

Profitieren Sie dabei von Ihrer großen Erfahrung als Schauspieler? Oder fehlt Ihnen die Rückmeldung der Zuschauer?

Ich hatte Katja Wanoth, die Regisseurin – ohne ihre Hilfe wäre dieses Ergebnis nicht möglich gewesen. Wissen Sie, das Einlesen des Buches war ein wenig wie ein Ritt auf einer Rasierklinge: Ein Zuviel an Kindlichkeit wirkt schnell manieriert, ein zu erwachsen-männlicher Ton macht den Text grob. Man braucht jemanden, der mit großer Professionalität und Erfahrung zuhören und die Wirkung klar beschreiben kann. Da habe ich mit dieser Regisseurin wirklich Glück gehabt, und ihre Signale habe ich gerne aufgenommen. Viele der eingelesenen Kapitel wollte ich einen Tag später noch einmal neu probieren, es irgendwie anders versuchen. Das habe ich auch gemacht, und Katja hat mir danach die neuen und alten Versionen vorgespielt, ohne mir zu verraten, um welche Version es sich handelt – und immer war die erste die bessere.

Das klingt nach intensiver und langer Arbeit…

Sieben Tage, jeweils acht Stunden – das war genügend Zeit.

Sind Sie selbst Hörbuch-Hörer?

Höchstens im Auto, womit ich allerdings selten unterwegs bin. Und ich habe auch nur gehört, als die Fahrzeuge noch einen CD-Player hatten. Heute funktioniert ja alles über Handy und Bluetooth, aber das gelingt mir nicht immer, richtig einzustellen. Ich weiß noch, dass ich mir den Ignaz Kirchner (1946- 2018) mit Dostojewskis „Doppelgänger“ angehört habe. Gut gefallen hat mir auch Sepp Bierbichler mit seinem Roman „Mittelreich“ –- aber das ist schon mehr als zehn Jahre her. Ich mochte es, wie schmucklos und lässig er sein eigenes Buch interpretiert hat.

Was macht für Sie denn dann ein gutes Hörbuch aus?

Keine Ahnung. (Lacht.) Es muss eine Brücke zum Hörer schlagen, muss kommunikativ und mitteilsam sein und eine Erzählwelt kreieren, aus der man nicht raus möchte. So einfach und so schwer ist das.

Das Gespräch führte Katrin Basaran.

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