Ihre Poesie ist eine eigene: sperrig, hölzern fast, in ihrer Rhythmik gewöhnungsbedürftig. Die Sätze hängen oft in langen Ketten aneinander, ohne Satzzeichen, ohne Groß- und Kleinschreibung. Die Worte sind einfach, ab und zu regelrecht derb, karg an Emotionen. Und dennoch ist es Poesie, die Nell Leyshon (klug übersetzt von Wibke Kuhn) in „Ich, Ellyn“ erschafft, Sprachkunst höchster Güte, die, wenn man sich einmal eingelesen hat, unglaublich viel erzählt.
Vom harten Leben der jungen Ellyn im 16. Jahrhundert, die als Mädchen ebenso wie ihre neugeborene Schwester Agnes keinen Wert und keine Perspektiven hat in einer männerdominierten Gesellschaft. Die schuftet wie ein Tier, mit Beinen wie Baumstämmen, aber einer Stimme wie einer Göttin. Der „klang in meinem körper fühlt sich an wie wenn ich selbst instrument wäre“, stellt sie erstaunt fest. Dieser Klang wird für sie zur Chance, als sie in einer Kirche von anderen gehört wird. Doch wieder ist die Singschule, für die sie qualifiziert wäre, den Männern vorbehalten.
Wie schon in ihrem Erfolgsroman „Die Farbe von Milch“ schildert Nell Leyshon den Kampf einer jungen Frau um ihr Selbstbestimmungsrecht, indem sie sich tief in deren Kopf gräbt, ihre Gedankenketten ungefiltert wiedergibt, ihre Logik, ihr Staunen über die Welt, ihre Neugierde. Die 60-jährige Autorin malt aber auch die Angst ihrer Protagonistin – wie ein Maler es mit Ölfarben auf der Leinwand tun würde. Dadurch entstehen beim Lesen Bilder im Kopf, Bilder aus der Sicht von Ellyn, die sich aus lauter Verzweiflung als Junge verkleidet in die christliche Singschule einschleicht.
Der Prunk und Luxus der Kirche, die Macht des Geldes, stehen im Kontrast zu dem Leben, dem Ellyn, die sich nun John nennt, entflohen ist. Trotzdem sehnt sie sich nach Agnes und stellt sich – bei allem Genuss – stets die Frage, wer sie selbst eigentlich ist. Denn auch wenn ihre Sprachfertigkeit zunimmt und sie die Bildung, die ihr zuteilwird, regelrecht in sich aufsaugt, sodass plötzlich auch Satzzeichen und Rechtschreibung im Roman eine Rolle spielen, hält sie an ihren inneren Überzeugungen fest: „Ich lasse mein eigenes Ich mein eigenes Ich sein. Ich. Ellyn.“
Ein starkes Buch über eine starke Frau mit einem starken Klang, der lange nachhallt.
Nell Leyshon:
„Ich, Ellyn“. Aus dem Englischen von Wibke Kuhn. Eisele Verlag, München, 224 Seiten; 22 Euro.