Historische Headbanger

von Redaktion

Immer mehr Bands in Bayern verbinden Heavy Metal und Geschichtswissenschaft

VON LAURA MAY

Lange Haare, laute Musik, Leder, Nieten, schwarze Kleidung, Schwermetall. Wer an die Musikrichtung Heavy Metal denkt, hat Bilder im Kopf – verstaubte Geschichtsbücher und verkopfte Wissenschaftler gehören eher nicht dazu. Dabei gibt es eine enge Verbindung zwischen der wilden Musik und historischen Fakten. Denn: „Harte Töne vertragen sich gut mit harten Themen“, meint Metalgitarrist „The Crusader“, dessen bürgerlicher Name nicht öffentlich werden soll. Kriegsgeschichten, Kreuzritter, Piraten, Werwölfe – all das lasse sich gut mit lautem Schlagzeug, schnellen Gitarrenriffs und gegröltem Gesang verarbeiten.

Der 47-Jährige spielt in einer Power-Metal-Band namens Warkings. Der geschichtliche Hintergrund dieses bayerisch-österreichischen Quartetts stimmt immer, denn ihr Sänger, „The Tribune“, ist Geschichtsprofessor und sorgt für historisch wasserfeste Texte durch die Jahrhunderte. Die Warkings verbinden in ihrem Bandprojekt verschiedene geschichtliche Epochen und treten als historische Charaktere auf: Wikinger, Kreuzritter, Tribune und Spartaner.

Zusätzlich zu den Texten wird Metalfans mit Kostümen die Flucht in andere Zeiten und Welten erleichtert. Die Auftritte seien aber trotz des historischen Bezugs immer auch Fiktion und Entertainment. „Man muss sich entscheiden als Band. Wenn man Mittelaltermusik macht, kann man nicht mit Laserschwertern auftreten“, sagt der „Crusader“.

Die Verbindung zwischen Heavy Metal und Wissenschaft ist kein Einzelfall – metalbegeisterte Forscher gibt es bis nach Malta, wo etwa der Soziologieprofessor Albert Bell mit seiner Gruppe Albert Bell’s Sacro Sanctus die Haarmatten kreisen lässt. Auch der Heimatforscher und Metalfan Michael Losse beschäftigt sich seit Jahren mit der Verbindung von Heavy Metal und Geschichte. Musiker wenden sich immer wieder an ihn, um historische Fakten in ihren Liedern abzusichern. 2023 plant er eine Veröffentlichung zur Metalkultur „zwischen Eskapismus und Wissenschaft“. International hat er bereits 140 Bands erfasst, die sich mit mittelalterlichen Burgen beschäftigen. Denn die faszinieren die Musiker des Genres. Als Konzertort oder Leitmotiv wie bei der Band Mystic Prophecy aus dem Unterallgäu. Burgen finden sich auch in vielen Bandnamen wieder: Dark Fortress, Castle, Citadel, Human Fortress oder Festung Nebelburg sind nur einige Beispiele. Mit letzterem Projekt verarbeitet der niederbayerische Künstler Nattulv Geschichten aus der Sagenwelt rund um den Bayerischen Wald. Sein Lied „Die Sage von Burg Weißenstein“ behandelt etwa den Mythos rund um eine Burgruine im Kreis Regen.

Metal und das Mittelalter passen allein schon wegen der Liedstruktur zusammen, sagt der Warkings-Gitarrist. „Damals hat man mit Lauten bereits entsprechende Musik gemacht, die etwa in Barock oder Klassik nicht mehr zu finden ist.“ Die Verbindung zwischen sagenumwobener Vergangenheit und harter Rockmusik wird nicht nur von den Bands gefeiert – die Geschichtsbegeisterung findet sich auch beim Publikum. „Wir haben manchmal Fans, die unsere ganzen Texte auseinandernehmen und sie auf historische Fakten prüfen“, berichtet „The Crusader“, „im Internet wird dann darüber diskutiert“. So hart die laute Musik und dunkel gekleideten Fangruppen auch sind, dahinter stecken kleine Leseratten.

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