Wenn das Lama, das hier das Adjektiv „traurig“ im Namen trägt, wenn also das traurige Lama mit Stuntman Johnny Texas anbandelt, dem schmucken Schnauzbartträger gar zärtlich am Ohr knabbert, dann sind wir im Theater. Hier ist der Raum des Als-ob, hier darf die Realität draußen bleiben, um den Blick freizugeben auf das, was hinter der Wirklichkeit liegt.
Nichts anderes macht Alexander Kluge, der Denker und „Geistesfahrer“ auf allen möglichen und unmöglichen Straßen. Im Februar ist der Jurist, Autor und Fragensteller, der Filmemacher und TV-Produzent 90 geworden. Gefeiert wurde auch in den Münchner Kammerspielen; und im Schauspielhaus wurde am Samstag nun „Wer immer hofft, stirbt singend“ uraufgeführt. Kluge, der seit vielen Jahren in München lebt, saß im Publikum – und dankte am Ende auf der Bühne sichtlich bewegt dem hinreißenden Ensemble.
„Das Erzählen ist für den Menschen wie für den Maulwurf das Graben“, hat er einmal geschrieben. Diesen Satz nimmt sich Regisseur Jan-Christoph Gockel zum Motto seines knapp zwei Stunden langen, pausen- und atemlosen Abends mit Menschen, Tieren, Emotionen. Und weil’s dem Maulwurf wurscht ist, wo das Buddeln beginnt, startet Gockel bei Kluges Film „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“.
Das Werk wurde 1968 bei den Festspielen in Venedig uraufgeführt und war die erste Kino-Arbeit von Hannelore Hoger. Ihre Rolle als Zirkuserbin Leni Peickert hat hier Julia Gräfner übernommen, die herrlich stur ihre Idee eines Reformzirkus umsetzen will. „Wir machen es jetzt anders: Show raus, Sinn rein.“ Doch „Transparenztheorie“ und all die anderen Vorhaben funktionieren nur bedingt: Leni wird, ja muss scheitern. „Ratlos“ sei sie, bekennt sie irgendwann. Das jedoch, erklärt Kluge, ist nichts Schlechtes: Ratlosigkeit startet eine Suche.
Natürlich geht es ihm nur vordergründig um Artisten. Der Zirkus ist im Film auch Symbol unserer Gesellschaft – und das Scheitern birgt die Chance des erneuten Versuchs, der Reparatur. Dinge zu reparieren, weiß Soziologe Richard Sennett, bedeute, sie besser verstehen zu lernen. „Reparatur einer Revue“ nennt Gockel daher seine Inszenierung im Untertitel, die sich ausgehend von der Peickert-Geschichte bei zig Motiven aus dem kolossalen Kluge-Kosmos bedient: Den Namen hat der Abend etwa aus dem Text über Antoine Billot, der Katastrophen, Kriege, Krankheiten überlebte; das Motiv der Bombenentschärfung ist dem Film „Die Patriotin“ (1979) entnommen – und war bereits vor Russlands Angriff auf die Ukraine Teil der Produktion. Umso intensiver wird es nun zum Bild der Hoffnung.
Doch man muss (und kann) all die Bezüge gar nicht kennen, um einzutauchen in „Wer immer hofft, stirbt singend“. Gockel und sein Team feiern eben auch eine Zirkusrevue, ein Bühnenfest – und machen aus Kluges assoziativem Denken und Fragen vogelwildes Theater: Da wird gespielt, gesungen, getanzt, geturnt. Film, Hörspiel, Artistik, Puppen- und Schauspiel wechseln sich ab, überlappen, ergänzen sich. Nicht alles glückt (unpassend wäre es schließlich, gäbe es hier nichts zu reparieren), doch gibt es vieles, was intensiv, klug, witzig, berührend oder traurig ist. Etwa, wenn der großartige Puppenspieler Michael Pietsch seinen Elefanten tanzen lässt, derweil eine Stimme aus dem Off die furchtbaren Schicksale von Zirkus- oder Zoo-Dickhäutern vorliest. Dabei dreht Pietsch das Tier und gibt den Blick auf dessen Holzgerippe frei.
Ja, Leni Peickert kommt nicht durch mit ihrem Reformzirkus. Aber „der Weg ist nicht zu Ende, wenn das Ziel explodiert“, heißt es an einer Stelle. Laufen wir also weiter; bei aller Mühe, macht es nämlich dennoch Spaß. Jubel, Standing Ovations.
Nächste Vorstellungen
am 10., 29. April, 22. Mai;
Telefon 089/233 966 00.