„Bayern wäre weltweit spitze“

von Redaktion

Wolfgang Gieron vom Freundeskreis der BR-Symphoniker über das Konzerthaus

Nicht nur über den großen Saal reden, sondern über alle Aufgaben und Möglichkeiten des geplanten Münchner Konzerthauses: Das fordert Wolfgang Gieron. 41 Jahre lang war er Geiger im BR-Symphonieorchester, jetzt ist er Vorsitzender des Freundeskreises. Den Hype um die Isarphilharmonie hält der Erdinger in diesem Zusammenhang für übertrieben.

Wird das Konzerthaus noch gebaut?

Ich hoffe es. Weil ich fest davon überzeugt bin, dass es notwendig ist. Es wird ja Politikern gern eine gewisse Kulturferne unterstellt. Und vielleicht ist das auch gar nicht so abwegig. Das Konzerthaus ist allerdings nicht nur ein großes Kulturprojekt, sondern auch ein technologisches. Man spricht immer nur über den Saal. Aber ein Haus, aus dem man innerhalb von Sekundenbruchteilen weltweit digital übertragen kann, ist eine technologische Großtat. Ministerpräsident Markus Söder will immer, dass Bayern als Technologiestandort die Nummer eins wird. Allein deshalb müsste ihn das Konzerthaus doch interessieren – Bayern wäre damit in jeglicher Hinsicht weltweit spitze.

Mariss Jansons, der größte Kämpfer fürs Konzerthaus, ist seit zwei Jahren tot. Haben Sie befürchtet, dass die Projektgegner dadurch Oberwasser bekommen?

Ja. Wir wissen alle, dass dieses Projekt bei vielen Landtagsabgeordneten außerhalb Münchens als überflüssig und zu teuer angesehen wird. Natürlich ist es sehr aufwendig, und natürlich haben wir gerade mit zwei großen Krisen zu kämpfen. Aber sollten solche Projekte wirklich nicht möglich sein, dann muss die Politik das auch klar sagen und nicht nur eine „Denkpause“ fordern. Offenbar ist dieser Mut nicht vorhanden – und vor einer Landtagswahl schon gar nicht.

Ginge eine abgespeckte Lösung, etwa ohne Räume für die Musikhochschule und mit Konzentration auf den großen Saal?

Ich hatte mit unserem Orchester vor einigen Jahren ein sehr eindringliches, emotionales Erlebnis, als wir in Breslau gespielt haben. Tateo Nakajima, der dort für die Akustik verantwortlich war, wurde ja auch für München verpflichtet. In Breslau habe ich wieder gemerkt, wie ein wirklich großartiger Konzertsaal klingen und was er bedeuten kann. Eine phänomenale Akustik. Wir hatten auch das Gefühl, wir sind eine Einheit mit dem Publikum. Alles übertrug sich gegenseitig. Das Haus hat 110 Millionen Euro gekostet. Es scheint also möglich zu sein, auch mit einer geringeren Summe einen tollen Saal zu bauen. Ich glaube nicht, dass das Münchner Konzerthaus beerdigt ist. Man wird sicher über eine Reduzierung reden können.

Was können Sie noch tun, um fürs Konzerthaus zu kämpfen? Sir Simon Rattle, der künftige Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, hat sich erst relativ spät geäußert. Irgendwie spürt man kaum richtigen Druck der Konzerthaus-Befürworter.

Man muss die Diskussion auf jeden Fall brennen lassen. Deshalb auch die Unterschriftenaktion unseres Freundeskreises. Man darf Politikeräußerungen nicht einfach so hinnehmen. Die lehnen sich zurück und glauben, die Sache sei gegessen. Es wird zum Beispiel immer gesagt, München habe mit Konzerthaus, renoviertem Gasteig, Herkulessaal und Isarphilharmonie irgendwann vier Säle, also zu viele. Das stimmt so nicht. Was bei der Gasteig-Sanierung herauskommt, kann kein Mensch sagen – auch weil niemand weiß, wie viel Geld die Stadt München letztlich zur Verfügung hat.

Aber die Isarphilharmonie hat sich doch für manchen als Wundersaal entpuppt.

Sie hat tatsächlich eine gute Akustik für den leisen und mittleren Lautstärke-Bereich. Wird es lauter, fängt der Saal an zu knallen. Der Klang wird hässlich. Heutzutage haben die Orchester, ob Münchner Philharmoniker oder BR oder andere, eine Wucht, die ein solcher Saal kaum bewältigen kann. Als ob man beim Ferrari nicht in den sechsten Gang schalten darf, weil man Angst hat, der explodiert. Mir fehlt in der Akustik auch die Umschmeichelung des Publikums. Es gibt immer eine gefühlte Distanz zwischen Bühne und Saal. Außerdem ist der Backstage-Bereich eine Katastrophe. Kaum Umziehmöglichkeiten für die Orchestermitglieder. Es ist nicht möglich, dass – wie üblich und dringend notwendig – eine Gruppenprobe stattfinden kann für schwierige Stellen. Die Erreichbarkeit ist außerdem sehr schlecht. Die Stadt München mag viel verbessern können, den Standort-Nachteil nicht. Irgendwann wird die Isarphilharmonie nicht mehr akzeptiert werden, weil sie auf einem Abstellgleis steht. Das Konzerthaus am Ostbahnhof wäre dagegen fast perfekt erreichbar. Denken Sie daran: Die Pinakothek der Moderne wurde betont günstig gebaut und 2002 eröffnet. Nicht einmal zehn Jahre später wurden erhebliche Mängel festgestellt. Man kann daher nicht allen Ernstes glauben, dass eine Isarphilharmonie für 40 Millionen Euro nach zehn Jahren noch voll funktionstüchtig ist. Sie wird irgendwann entzaubert werden.

Markus Söder spricht von einer Milliarde Baukosten fürs Konzerthaus. Ist das eine Fantasiezahl, um das Projekt mies zu machen und zu kippen?

Auf alle Fälle. Die Zahl wird als Argumentationshilfe benötigt, ist aber kaum begründet. Was bleiben muss, ist ein großer, sehr guter Saal, die digitale Ausstattung und Räume für Begegnungsstätten, auch für die Nachwuchsförderung. Und all dies ist für weniger als für eine Milliarde möglich. Was man außerdem nicht vergessen darf: Das Konzerthaus wird nicht für das BR-Symphonieorchester gebaut. Es ist ein Projekt für München und ganz Bayern, in dem unser Orchester nur einer der Nutzer ist.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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