Trotz aufgehobener Maskenpflicht tragen geschätzt 90 Prozent der Besucher im Münchner Nationaltheater Mund- und Nasenschutz; zu präsent ist die in zwei Jahren Pandemie verinnerlichte Fragilität menschlichen Lebens – zumal bei diesem Akademiekonzert zum Gedenken an Michail Jurowski. Eigentlich sollte der Vater des amtierenden Generalmusikdirektors am Pult stehen; der Tod aber nahm ihm am 19. März sprichwörtlich leider den Taktstock aus der Hand.
Übernommen hat den Stab mit Daniele Rustioni ein Dirigent, der das blühende Leben selbst versprüht: agil und temperamentvoll – nicht nur in seinem Auftreten, sondern auch in der Tempowahl. In Anlehnung an Jurowskis sen. Planungen stehen Piotr Tschaikowski und Sergej Prokofjew auf dem Programm; allerdings nicht die vom weltoffenen Russen vorgesehenen Werke, sondern Kompositionen, die den Italiener am Pult rechtfertigen: nämlich Vertonungen von Shakespeares Liebestragödie „Romeo und Julia“.
Schwermütig und luftig startet Tschaikowskis Fantasie-Ouvertüre, bevor sich aus den lieblich schwelgenden Melodien eine schroff-berückende Steigerung ins Dramatische entspinnt. Ultradynamisch lässt Prokofjew die Montagues und Capulets gegeneinander antreten; die Auszüge aus seinen drei Ballettsuiten sind mal martialisch, mal romantisch, mal lieblich und mal grotesk – und werden von Rustioni durchgehend rasant angegangen.
Das gibt dem Bayerischen Staatsorchester die Chance, sich zu zeigen. Tatsächlich spielt dieser Klangkörper deutlich akzentuierter als die reinen Sinfonieorchester der Stadt – weil seine Musiker gewohnt sind, aus dem Graben heraus zu agieren; die dramatische Spielweise überträgt sich auch auf die rein musikalische Bühne der Akademiekonzerte und zumal bei der dramatisch-bildreichen Stoffwahl.
Das gilt auch für Ottorino Respighis „Fontane di Roma“, das in den ersten sprudelnden Takten an Smetanas „Moldau“ erinnert und in der Folge vier berühmte Brunnen der Ewigen Stadt zu verschiedenen Tageszeiten porträtiert.