Die Toten von Salzburg

von Redaktion

PREMIERENKRITIK Thielemann dirigiert „Lohengrin“ bei den Osterfestspielen

Die Stärkste von allen macht am Ende kurzen Prozess mit der Männerwelt und fackelt sie ab. Und wenn man Brünnhilde nimmt samt ihrer Wagner-Schwestern im Geiste, Sieglinde oder Senta, alle von Machos verraten, so fragt man sich schon: Warum muss Elsa das ewige Hascherl sein? Vielleicht hat sie sogar mehr auf dem Kerbholz, als es der beseelte Gesang suggeriert, das argwöhnt jedenfalls Jossi Wieler.

Mit seinen Regie- und Ausstattungsmitstreitern Anna Viebrock und Sergio Morabito riskiert er eine Umkrempelung von Wagners „Lohengrin“, kratzt dabei an einem ganz anderen Frageverbot: Und wenn Elsa aus Machtgründen ihren Bruder Gottfried tatsächlich beseitigt hat und Lohengrin als Marionette benutzt? Viel Sprengstoff bietet der Perspektivenwechsel. So viel, dass sich das Publikum im Großen Festspielhaus gleich mal die drei unschuldigen Chorleiter vornimmt, sie fürs Regieteam hält und ausbuht.

Es gilt weiter das Grundgesetz der Osterfestspiele: Wegen der Regie zahlt keiner bis zu 490 Euro. Schon eher (manche fast ausschließlich) für den Schwanengesang eines Salzburger Matadors. Letztmals vertraut das Spektakel bekanntlich auf Christian Thielemann, der nach dem Willen des neuen Intendanten Nikolaus Bachler samt der Staatskapelle Dresden hinausgekickt wurde.

Thielemann lässt sich vom längst verwundenen Duell zumindest noch musikalisch provozieren. Seine Waffe bleibt die bestmögliche Notenkenntnis; Wagner, vor allem dessen Schwanensaga, hat er inhaliert. Extremistischer klingt dieser „Lohengrin“ als sein jüngster in Bayreuth, mit größeren Partitur-Ausschlägen. Die leisen Stellen betrifft das, die kurz über der Hörbarkeitsgrenze entfaltet werden. Den Streicherzauber, mit dem der Abend während der Elsa-Ortrud-Szene ins Utopische abhebt. Das körperlich spürbare Giga-Crescendo, mit dem der zweite Akt endet. Überhaupt die Klangmixturen, in denen trotzdem jede Zutat hörbar ist. Natürlich darf dieser „Lohengrin“ auch brausen, doch selbst in der Höchstdramatik ist alles kundig und stilvoll abgeschmeckt.

Ehrensache, dass dabei keiner auf der Bühne überfahren wird. Und da hat Thielemann mehr zu tun in Bayreuth. Eric Cutler, ein cooler, aus dem Mittelalter in die Zwanzigerjahre geholter Kreuzritter, ist die Nervosität anzumerken. Eigentlich hätte er alles für den Lohengrin, das Textbewusstsein, energiereiche Töne, eine unverspannte Stimmführung ab der kniffligen oberen Mittellage. Und doch wirkt vieles gemacht, nicht erfühlt. Was noch fehlt, ist ein ausgreifendes Legato, ein Phrasenfinish, die Draufsicht – trotzdem ein bemerkenswerter erster Entwurf.

Elena Pankratova mit ihrer neutralen Dramatik bleibt unter den Erwartungen. Hans-Peter König als König Heinrich weiß auch im Pensionsalter noch, wie er sein Bass-Geschütz in Stellung bringen kann. Markus Brück ist als Heerrufer überbesetzt, könnte mühelos zum Telramund wechseln. Doch der ist Martin Gantner vorbehalten, dem die ausgefeilteste Studie glückt: kein Bariton-Brüller, sondern ein feiner, intelligent dosierender Vokalflorettfechter. Wie man Text und (schwere) Töne in Einklang bringt und daraus Rollenerkenntnis gewinnt, das führt Gantner vor.

Ganz im Sinne Wagners rücken auch Wieler/Morabito/Viebrock die beschuldigte Erbin von Brabant ins Zentrum. Eine selbstbewusste Frau, manipulativ ihrem Volk gegenüber. Jacquelyn Wagner spielt das faszinierend, singt dazu mit feinherber Sopran-Intensität. Dass diese Elsa ihren Bruder während des Vorspiels im Bühnenkellerloch ertränkt hat, deutet die Regie an. Auch, dass Lohengrin (mit dem sie sich schon nach Akt eins eine heiße Szene gönnt) ein Komplize ist.

Als Kreuzritter ist er vom Schlage jener heiligen Krieger, auf die sich die vereinigte Männerkämpferwelt nur zu gern beruft. Im Salzburger „Lohengrin“ ist das eine Soldateska aus dem Ersten Weltkrieg, die von einer Art Hindenburg-Heinrich befehligt wird. Schauplatz ist nicht die Schelde, sondern – typisch Viebrock – eine nicht genau definierte Kanal-Stauwehr-Situation. Zum tierlosen Schwanenwunder gerät die aus den Fugen. Im ersten Akt geht Wielers Thriller-Vorsatz tatsächlich auf. Doch mit zunehmender Dauer driftet der Abend ins Stereotype. Je mehr sich in der Ästhetik historisches Zitat und Jetztzeit vermischen, desto häufiger wähnt man sich in einem 08/15-„Lohengrin“. Zu Wieler/Morabito, diesem fein abwägenden, tief bohrenden Duo, passt das gar nicht. Der Verdacht: Beide sind nicht fertig geworden in der knappen Osterfestspiel-Probenzeit. Der zweite Versuch unter besseren Bedingungen ist schon vereinbart – demnächst an der Wiener Staatsoper.

Weitere Aufführung

am 18. April, Folgeserie in der Spielzeit 2023/24 an der Wiener Staatsoper; die Festspiele dauern bis 18. April, Informationen unter osterfestspiele-salzburg.at.

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