Der Befreier der Farben

von Redaktion

NACHRUF Aktionskünstler Hermann Nitsch im Alter von 83 Jahren gestorben

Von Simone Dattenberger

Er kam nie mehr los vom Klischee des Künstlers, der mit Blut arbeitet, mit Ekstasen, Schlachtungen, nacktem Fleisch von Mensch und Tier. Hermann Nitsch, der 1938 geborene österreichische Künstler, längst ein rundlicher, gemütlicher Altmeister der Performance-Kunst geworden, starb am Ostermontag mit 83 Jahren in einem Krankenhaus in Mistelbach nördlich von Wien, wie seine Frau gestern mitteilte.

Wer sich intensiver mit dem Schaffen des Wieners beschäftigt, entdeckt einen sinnlichen Liebhaber der Farben. Er liebte sie so sehr, dass er sie befreite. In seinen „Schüttungen“ durften sie Leinwände, Bühnen- und Hauswände herunterlaufen, sich entfalten, überlagern, die Umgebung erobern und vor allem unsere Augen.

Als junger Bursch lernte Hermann Nitsch an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in seiner Heimatstadt Wien. Das Handwerk hatte er also drauf. Aber auch ihn riss eine Art Wutreaktion vieler österreichischer Künstler auf das verlogene „Opfer“-Verhalten ihrer Landsleute nach dem Zweiten Weltkrieg mit. Man agierte offen, heftig, provokativ. Performances waren weltweit angesagt – und der Wiener Aktionismus war ihre blutige Variante.

Nitsch fand in diesem Umfeld seinen Weg. Er setzte sich intensiv mit religiösen Ritualen auseinander, christlichen und sogenannten heidnischen. Sein „Orgien-Mysterien-Theater“ war geboren, das er bis ins hohe Alter immer wieder mal durchführte. Für ihn war es wichtig, die Verbindung von antikem Opferritus, Theater als Gottesdienst (als Rückgriff auf die antiken Dionysien) und der katholischen Liturgie herzustellen und bewusst zu machen.

Wahrscheinlich löste genau das heftige Reaktionen bei Obrigkeit und Publikum aus. 1966 kam der internationale Durchbruch bei einer Einladung zum Londoner „Destruction in Art Symposion“. Seine Aktion wurde von der Polizei abgebrochen. Das war die beste Werbung; Hermann Nitsch war plötzlich weltweit begehrt.

Bereits 1957 hatte er sein „o.m. theater“ entwickelt. Übrigens: Was vogelwild daherkommt, ist eine akribisch geplante stunden- oder tagelange Unternehmung, bei der sich Fleisch und Blut, Obst und Gedärm, Rhythmus und Lärm, Gestank und Duft, Gruppe- oder Einzelner-Sein, Erschöpfung, Hingabe und Ekel mischen. 1966 gab es dafür globale Anerkennung – und im selben Jahr in Österreich eine Anklage wegen Blasphemie und Pornografie. Hermann Nitsch setzte sich nach Deutschland ab.

Natürlich gab es bei uns auch Gegenwind, zugleich bekam der Österreicher viel Unterstützung wie etwa in München, wo er ab 1968 lebte. Er wurde zweimal auf die Documenta nach Kassel eingeladen, und längst haben weltweit alle wichtigen Museen Arbeiten von ihm im Portfolio. Genauso ist es in der bayerischen Landeshauptstadt. Sie richtete Nitsch zuletzt 2016 eine Ausstellung in der Villa Stuck aus, eine Übernahme vom Wiener Theatermuseum. Es wurde auch ein Orgien-Mysterien-Stück aufgeführt. Die Besucher konnten außerdem einen neuen Nitsch erleben. Einen, der genüsslich mit Video-Installationen spielt und sein Publikum in Farben einhüllt: „Ich erschaffe Räume – und will wissen, was mit diesen Räumen passiert“, sagte er einmal im Gespräch mit unserer Zeitung.

Bei solch Hang zum Gesamtkunstwerk lurt naturgemäß die Oper ums Eck. Da gab es etwa die „Klaviersinfonie für 100 Pianisten an 33 Klavieren und einem Synthesizer“, 2012 uraufgeführt. Vielleicht hatte ihn dazu seine Inszenierung und Bühnengestaltung von Olivier Messiaens Oper „Saint François d’Assise“ 2011 an der Bayerischen Staatsoper inspiriert. Auch sie eher Nitsch-(Selbstbe-)Spiegelungen als dem Werk des Komponisten dienend. Noch im vergangenen Jahr entwickelte er für die Bayreuther Festspiele eine Live-Malaktion zu Wagners „Walküre“.

Bleiben werden Erinnerungen an Aktionen, aber vor allem Hermann Nitschs Schüttbilder. Sie sind der schönste Bestandteil seines Œuvres: von großer Delikatesse, trotz scheinbar unkontrollierbarer Dynamik. Einerseits etwas einfach geschehen lassen und andererseits alles in bestimmte Bahnen lenken, dieses Spiel beherrschte Nitsch mit Gleichmut und Selbstironie: „Schauen Sie, als junger Mann wollte ich eigentlich Kirchenmaler werden“, erzählte er. „Ich war beeindruckt von den Klassikern: Michelangelo, Leonardo, Tintoretto, Tizian, Rembrandt und El Greco. No ja, ich bin’s insofern nicht geworden, weil man mir keine Kirchen zur Verfügung gestellt hat. Jetzt mach’ ich’s mir halt selber.“ Der alte Meister hat gut vorgesorgt, und in Neapel sowie in Mistelbach existieren Museen, die seinem Werk gewidmet sind.

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