Sein Utopia heißt Mousghanistan. So nennt der Fotokünstler Mous Lamrabat den Ort, in dem er auf alle kulturellen Unterschiede pfeift. Wo er liegt? In Lamrabats Kunst. Darin eint der 38-Jährige, was scheinbar nicht zusammengehört. Geboren in Marokko in eine muslimische Familie, aufgewachsen im Westen, in Belgien, hat er in Kindheit und Jugend am eigenen Leib erfahren, wie mühsam, unangenehm, gemein das oft ist, dieses Hin und Her zwischen den Kulturen. Ständig hat er sich irgendwie dazwischen gefühlt. Der Klassiker: Für „die Deutschen“ war er der Marokkaner, nach dem Geschmack der muslimischen Verwandtschaft wiederum hingen seine Baggy Jeans immer einen Tacken zu tief in den Knien. War nicht leicht damals. Heute sieht er es als Segen. Wenn der kulturelle Hintergrund das Elixier ist, das uns für unser Leben kräftigt – wie viel stärker muss es wirken, wenn man aus gleich zwei Quellen schöpfen kann.
Deshalb lässt Lamrabat in seinen Fotografien die Frage offen, wie er zu umstrittenen Angelegenheiten der jeweiligen Kulturen steht, zu vollverschleierten Frauen oder Billigfleisch von McDonald’s zum Beispiel. Der Betrachter darf darüber selbst nachdenken.
Man tut’s fasziniert. Beim Anblick der Frau mit den ausdrucksstarken braunen Augen, die er in einem Kornfeld abgebildet hat. Viel mehr sieht man nicht von ihr. Sie ist verhüllt. Nicht in klassischer schwarzer Niqab und Abaya. Ihr Kopftuch ist in kraftvolles Rot getaucht; auf ihrem blauen Umhang prangt leuchtend das „Superman“-Symbol. Superwoman. Fast lebensgroß hängt dieses Bild, das westlichen Kapitalismus und muslimische Tradition ungeheuer kraftvoll, dabei völlig unblutig und erfüllt von Ruhe, Frieden aufeinandertreffen lässt, im hinteren Teil der Ausstellungshalle auf der ART Dubai.
Hier hat die Loft Art Gallery aus Casablanca ihren Messestand aufgebaut. Sie vertritt neben Mous Lamrabat auch die Deutsche Marion Boehm. Noch so eine Künstlerin, die sich zwischen den Welten bewegt. In ihrem Fall sind das Afrika und Europa: In aufwendigen Textilcollagen hinterfragt Marion Boehm kritisch die Zwangschristianisierung in Afrika. Ganz schön politisch, was auf der ART Dubai hängt, denkt man anerkennend.
Man hatte es nicht recht erwartet. Es ist Eröffnungsabend, aus der ganzen Welt sind Galeristen, Künstler, Adabeis in das Wüstenemirat gereist, um die Kunstmesse zu besuchen. Seit 2007 wird die hier veranstaltet und hat sich zur führenden Messe dieser Art für den Nahen Osten, Nordafrika und Südasien entwickelt. Im ersten Jahr kamen 42 Aussteller, 2014 schon 75, in diesem Frühjahr waren es mehr als 100 Galerien aus 44 Ländern. Und das in einer Stadt, in der in jedem Geschäft ein Foto des Scheichs Mohammed bin Raschid al-Maktum hängt (ja, genau, das ist der, der seine Kinder hat entführen lassen), und wo man auf die Frage nach dem kulturellen Zentrum des Ortes die Antwort bekommt: „Go to Dubai Mall!“ – „Geh’ ins Einkaufszentrum.“ Wobei „Einkaufszentrum“ ja viel zu verniedlicht übersetzt ist. Die Dubai Mall, das ist ein gigantisches Shoppingcenter der Superlative. 350 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, die gut betuchten Damen ordern Einkaufshelfer, die für sie auf Kleidersuche durch das Gebäude irren – und ihnen das Gewünschte dann zum Anprobieren reichen. 365 Tage im Jahr hat die Dubai Mall geöffnet. Weihnachten und Silvester soll es hier besonders kuschelig zugehen. Dubai, das ist wie Disney World für Erwachsene (siehe Kasten). Und doch entfaltet sich auch in dieser surrealen Welt, die mitten in der Wüste dem Luxus frönt, die ganze Kraft, die Kunst in sich trägt. Vermutlich weiß der Scheich, der so viel auf Kontrolle gibt, gar nicht, wie hier in drei Tagen im März Menschen aus aller Welt die Freiheit feiern.
Ibrahim El-Dessoukis „The Fortieth Day“ (2019) bricht mutig mit der Tradition: Viermal dieselbe schöne Frau posiert darauf in königsblauem Kleid, ihre Arme, Schultern, Füße sind nackt, auch der Rücken ist tief ausgeschnitten. Oder Prabhakar Pachputes „Bodies in Protest“: ein in Öl auf Leinwand gepinselter Aufschrei gegen Unterdrückung.
Wie traurig wirkt dagegen der neue Bereich, der in diesem Jahr auf der ART Dubai eingeführt wurde. „ART Dubai Digital“ heißt die Sektion, auf der digitale Kunst präsentiert wird, Non-Fungible Tokens (NFT), Krypto-Kunst also, oder Galerien, die gar keine analogen Adressen mehr haben, sondern einzig im Internet besucht werden können. Wie das, fragt man sich. Und schon steht einer dieser Online-Galeristen ganz leibhaftig neben einem, mit 3D-Brille und einer Art Spielkonsole in den Händen. „Try!“, ermuntert er einen, sich die Brille aufzusetzen. Mit einem Mal steht man nicht mehr auf dem Messegelände, sondern in einer Londoner Galerie. Wie praktisch: Um näher an die Werke heranzutreten, muss man sich keinen Schritt bewegen, einzig das Knöpfchen auf der Konsole drücken. So klickt man sich wie ein Zombie von Werk zu Werk, allesamt in mieser, krisseliger Auflösung abgefilmt. Und kommt sich ziemlich deppert vor.
Als man später bei Häppchen und arabischem Wein (alles ist möglich!) mit Gästen aus Frankreich, Ägypten und Spanien darüber spricht, müssen alle lachen. Und spüren in diesem Moment unter Garantie dasselbe: Kunst, diese Superkraft, verbindet. Ganz analog und über alle Grenzen hinweg. Wie gut das tut.