Nur noch die Techno-Fans haben ein Problem. Denn dort, wo einst (legale oder illegale) Partys stiegen und dröhnten, dürfen sie nicht mehr hinein. Da wird jetzt gewerkelt, auf dass eines der spektakulärsten Industriegebäude Münchens aus dem Dornröschenschlaf gerissen wird. Verantwortlich sind dafür die Brüder Christian und Michael Amberger, im Hauptberuf Inhaber der Mineralölfirma Allguth, im Nebenjob Kulturverrückte, die sich in Aubing, im Gleisdreieck zwischen den Bahnhöfen Leienfelsstraße und Langwied, gerade ihren Traum verwirklichen.
Bekanntlich hat dieses Unternehmen das 20 000 Quadratmeter große Gelände im Jahr 2005 gekauft. Gebaut wird dort nun am Kulturzentrum Bergson, das nach der vorbeiführenden Straße benannt ist – und damit nach Henri Bergson (1859-1941), dem französischen Philosophen und Literatur-Nobelpreisträger. Wer sich zurzeit in Münchens wilden Westen verirrt, staunt, welche Fortschritte das Projekt macht. Das einst undichte Dach des ehemaligen Heizkraftwerks ist neu. In manchen Räumen gibt es einen stützenden Stangenwald. Und wer im künftigen Atrium mit 25 Metern Raumhöhe steht, dem reißt’s fast automatisch den Kopf in den Nacken.
Nebenan wird bald ein weiteres Gebäude hochgezogen als Heimat fürs „Elektra Tonquartier“ – einen Konzertsaal, der rund 480 Gästen Platz bietet. Historische Industriearchitektur und Neues werden also hart aneinandergeschnitten, man kennt so etwas von der Isarphilharmonie neben der Sendlinger Trafohalle. Die Allguth-Chefs wollen freilich etwas ganz anderes: ein multikulturelles Zentrum, in dem man quasi den ganzen Tag verbringen kann – dank Restaurant, Galerie, Konzertsaal, Biergarten, Live-Club, Tagesbar und anderer flexibel nutzbarer Räume. Imponierende Aus- und Einblicke wird das geben, die schönsten wohl von der „Beletage“ in sechs Metern Höhe.
„Wir wollen die Menschen auch zu den Künstlern bringen und die Grenze zwischen Publikum und Bühne aufheben“, sagt Michael Amberger. Ein bisschen fühle man sich hier „als Revoluzzer“. Der Restaurantbetrieb wird übrigens nicht verpachtet, die Ambergers wollen das als Eigenbetrieb selbst stemmen. Als Eröffnungstermin ist der 10. Oktober 2023 geplant. Man werde das neue Kulturzentrum, so Amberger, allerdings langsam hochfahren. Erster „Stresstest“ sei dann Silvester 2023, wo rund 1500 Besucherinnen und Besucher den Jahreswechsel mit mehreren Veranstaltungen parallel begehen können.
Das Bergson-Team legt Wert darauf, dass nicht die Musik allein im Zentrum stehen soll: Die an sieben Tagen der Woche geöffnete „Pulpo Gallery“ sei mit 1800 Quadratmetern die „größte Galeriefläche Deutschlands“. Kuratiert wird sie von Katherina und Nico Zeifang aus Murnau. Verantwortlich für den Umbau des ehemaligen Heizkraftwerks ist das Münchner Architekturbüro Stenger2, das unter anderem das Kraftwerk an der Drygalski-Allee zur Verkaufs- und Ausstellungsfläche inklusive Wohn- und Büronutzung umgestaltet hat.
Katrin Habenschaden, Münchens Zweite Bürgermeisterin, sagte auf dem Presserundgang am Freitag, dass es für ein solches Kulturzentrum durchaus Bedarf in der Stadt und im Umland gebe – gerade weil Aubing für Nachtschwärmer so etwas wie eine „Diaspora“ sei. Und dass sich die Ambergers ums Ökologische kümmern, fand bei der Grünen-Politikerin lobende Erwähnung: Im Keller darf die Mopsfledermaus weiter hausen, für dieses Engagement bekamen die Ambergers sogar eine Auszeichnung. Für andere geschützte Tier- und Pflanzenarten steht das benachbarte Biotop bereit. Und vielleicht findet sich ja irgendwann auch ein Plätzchen für die Technoszene.