Wenn der Boden der Tatsachen hart und hässlich ist – heb ab. Flieg davon. Jetzt nicht mit dem One-Way-Ticket nach Australien, nein. Mit eigener Muskelkraft ins Land der Fantasie. „Der Luftraum ist noch frei für dich. Erfinde dir schnell ein paar Flügel. Frei sollen sie dich heben. Du sollst durch die Lüfte schweben als wäre das dein Glück!“ Diese beflügelnden Sätze stehen am Anfang der Sonderausstellung über Gustav Mesmer, die nun in der Villa Stuck zu sehen ist. Mesmer (1903-1994) hat sie selbst geschrieben. Er, den sie alle nur den „Ikarus vom Lautertal“ nannten. Ein komischer Vogel? Ein Glück, ja! Aber eben einer, dem die Konventionalisten deshalb die Flügel stutzen wollten.
Vielleicht hätte er das mit der spontanen Predigt in der Dorfkirche lassen sollen. 1929, da war er 26, spazierte der junge Gustav eines schönen Sonntagmorgens an der Kirche seines Heimatortes Altshausen in Oberschwaben vorbei. Und stürmte mit einem Mal hinein ins Gotteshaus, hielt vor versammelter Gemeinde eine Predigt, die Gläubigen allerdings nicht besonders überzeugte. „Blasphemie!“, hieß es. „Ein religiöser Unfall“, nannte Mesmer es selbst später. Der herbeigerufene Arzt attestierte indes eine „Schizophrenie bei einem von Hause aus schwachsinnigen Menschen“. Es war der Beginn eines schrecklichen Irrtums. Der für den „Wahnsinnigen“, der schlichtweg wahnsinnig erfinderisch war, mehr als 30 Jahre Aufenthalt in psychiatrischen Anstalten bedeutete.
Dass er der Euthanasie der Nationalsozialisten entging, ist seinem handwerklichen Talent und seinem unermüdlichen Arbeitswillen zu verdanken. Mesmer lernt Buchbinder, Schreiner, Korbmacher. Und kommt 1964 raus aus der Psychiatrie, rein in ein Heim nach Buttenhausen im Lautertal auf der Schwäbischen Alb. Hier beginnt der schöne Teil der Geschichte. Der Mann ist 60 Jahre alt – und hebt ab.
All die Jahrzehnte in der Psychiatrie hat Gustav Mesmer vom Fliegen geträumt. Hunderte Zeichnungen und kolorierte Skizzen, von denen Dutzende in der Schau hängen, zeugen davon. Kaum in Buttenhausen, beginnt er, die Entwürfe zu zimmern. Aus Holz, Papier, Pappe, Draht, Blech, Schnüren. Lauter alte Materialien, die er auftreiben und wiederverwenden kann. Er gilt zwar als verrückt, aber weiß natürlich, dass es inzwischen Flugzeuge und Zeppeline gibt. Doch als er einmal in einem Helikopter sitzt, gefällt ihm das gar nicht. Zu wenig sinnlich. Zu wenig frei. Mesmer forscht an Fluggeräten, mit denen sich ein jeder wie ein Vogel aufschwingen kann von Dorf zu Dorf.
Im Zwischengeschoss hat das Kuratoren-Duo Anne Marr und Stefan Hartmaier einen Kinosaal eingerichtet. Dort läuft eine Kurzdokumentation, bei der einem das Herz aufgeht. Dieser verschmitzte alte Mann, im Film bereits weit über 70, tritt in die Pedale eines seiner vielen Fluggeräte, rollt über eine abschüssige Landstraße mit, nun ja, so viel Affenzahn, wie ein gealterter Affe eben noch aufbringen kann, und fährt hinab ins Tal. Ohne abzuheben. Trotz Flügeln war’s wieder nix mit dem Fliegen. Tatsächlich? Schmunzelnd sitzt man da und freut sich. Weil man zuvor all die anderen vogelwilden Erfindungen dieses Künstlers gesehen – und gespürt hat: Der ist höher geschwebt als alle Geier, die ihn jemals angefeindet haben.
Einmal wurde Gustav Mesmer von einem Journalisten gefragt, ob er denn tatsächlich schon selbst geflogen sei. Da antwortete er mit valentinesker Freude: „Ja, die Treppe runter.“
Bis 10. Juli,
Di. bis So. von 11 bis 18 Uhr; parallel läuft die Veranstaltungsreihe
„I hear a new World“, in der auch Gustav Mesmers Instrumenten-Erfindungen zur Geltung kommen.
Alle Informationen unter
www.villastuck.de und
Telefon: 089/ 455 55 10.