Abfahrt ins Leben

von Redaktion

URAUFFÜHRUNG Die Münchner Kammerspiele zeigen „Heilige Schrift 1“ von Wolfram Lotz

VON MICHAEL SCHLEICHER

Er weiß genau, was er am 6. November 2017 getan hat. Eigentlich weiß Wolfram Lotz – präziser: sein Ich-Erzähler in „Heilige Schrift 1“ – das für so ziemlich jeden Tag jenes Jahres. Am 6. November spielten jedenfalls eine Magnumflasche Champagner, eine Krähe, das Foto eines Autos gewisse Rollen; der Schauspieler Christian Löber packt diese und ein paar andere Objekte aus einer grauen Archivbox auf den kleinen Tisch vor sich und berichtet von jenem Novembertag vor fünf Jahren. Das sind intensive Minuten in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele. Nicht weil hier Besonderes verhandelt wird, sondern weil Löber durch sein Spiel großes Theater daraus macht.

„Heilige Schrift 1“ ist ein irres Projekt des gefeierten Dramatikers Lotz: Mit seiner Familie ist er 2017 für ein Jahr in ein Dorf im Elsass gezogen, der Jobwechsel seiner Partnerin war Grund dafür. Der Autor, 1981 geboren, startete den Versuch, sein Leben möglichst vollständig und unmittelbar zu erfassen, Tag für Tag, mit allen literarischen Mitteln. Tagebuch, Träume, Korrespondenzen, TV-Nachrichten, Wettervorhersagen, kurz: Banales und Blödes, Verzweifeltes und Verspieltes, Tiefsinniges und Tabellarisches, Eingebildetes und Eigenwilliges – etwa wenn im Text Peter Handke, Miley Cyrus, Brecht, Frank-Walter Steinmeier oder Peter Maffay auftauchen. Letztlich sind es um die 3000 Seiten, die Lotz allerdings löscht. Da er jedoch bereits während des Schreibens rund 900 Seiten einem Freund gemailt hatte, die dieser noch im Postfach hatte, existiert der Beginn dieser sehr persönlichen „Heiligen Schrift“.

Falk Richter hat sie nun für die Kammerspiele inszeniert, wo auch Lotz’ fabelhafte Sprechoper „Die Politiker“ zu sehen ist. Am Samstag war Premiere des zwei Stunden langen, pausenlosen Abends. Die Uraufführung, für die jeder Gast einen Kopfhörer und ein iPhone erhält, gliedert sich in drei Teile: Noch im Foyer der Giehse-Halle führt ein Hörstück von Matthias Grübel in „Heilige Schrift 1“ ein. Dann geht es ins Herzstück der Produktion, für das Heike Schuppelius eine Wohnung, einen ICE-Waggon und ein Waldstück nachgebaut hat. In Letzterem versammelt sich das Publikum für den dritten Teil der Inszenierung, die am ehesten dem traditionellen Guckkasten-Theater verpflichtet ist: Hier führt das achtköpfige Ensemble den Textfluss zu einem hinreißend komischen Finale zusammen.

Am spannendsten ist freilich der Mittelteil – den kann sich jeder Zuschauer und jede Zuschauerin selbst gestalten. Mittels QR-Codes lassen sich Hörstücke abspielen, mit VR-Brillen oder mit einem iPad in der Hand kann man das Waldstück erkunden, das für Lotz eine wichtige Rolle hat, man darf/kann/soll sich mit der Einrichtung des Hauses beschäftigen – oder man folgt den Schauspielerinnen und Schauspielern: Jenen, die man seit Jahren kennt und schätzt, oder jenen, die recht neu am Haus sind.

Obwohl die Produktion technisch einwandfrei dahinschnurrt und alle Medienstationen leicht bedienbar sind (für eventuelle Fragen halten sich Techniker überall dezent in den Räumen auf): Nichts davon reicht an die Intensität des Ensembles heran. Ob nun der famose Edmund Telgenkämper von einem Zahnarztbesuch berichtet oder Christian Löber erzählt, was Lotz am 6. November 2017 getan, gedacht, gefühlt hat. Alles findet parallel statt, niemand erlebt dieselbe „Heilige Schrift 1“ – doch muss auch niemand die Sorge haben, etwas zu verpassen: Es ist schlicht das Leben, das sich hier abspielt.

Nächste Vorstellungen

am 20., 21., 23., 27. Mai; Telefon 089/233 966 00.

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