Welch charmanter Etikettenschwindel. „Ring ohne Worte“, das ist als Titel recht eindeutig. Trotzdem gibt es einen, der dauernd den Mund aufmacht. Jens Harzer, einst an den Münchner Kammerspielen zum Schauspiel-Star gereift, spricht Kurzes von Shaw, Rathenau, Thomas Mann, Cosima Wagner und natürlich von Richard höchstselbst. Zitate, die dessen „Ring des Nibelungen“ anreichern, reflektieren, weiterführen. Und anfangs die instrumentalen Schnipsel, die einst Lorin Maazel aus dem 16-stündigem Opus zusammenklebte, wieder arg separieren.
Es braucht auch ein wenig, bis Jakub Hrůša und seine Bamberger Symphoniker in die Hitparade finden. Dass es sich um eine der glücklichsten Musik-Ehen des Kontinents handelt, ist beim Gastspiel in der Isarphilharmonie zu hören. Auch, dass der Chef ganz beste alte Kapellmeisterschule ist: souveräner Koordinator und Gestalter, ein sehr selbstbewusster Ermöglicher, einer der zwar Angebote aufnimmt, aber doch nur selten die Zügel schießen lässt.
Anfangs, das ist das Los aller Gäste im neuen Saal, stimmt die Balance noch nicht. Etwas diffus und angedickt wirken große Tutti-Passagen, auch zäh. Doch im Verlauf der 80 Minuten wird alles trennschärfer, freier. Man staunt über den Klang der Bamberger, diese Warmblüter in der internationalen Orchesterlandschaft. Wotans Abschied aus der „Walküre“, das Waldweben im „Siegfried“ oder besonders das Morgengrauen aus der „Götterdämmerung“ werden flexibel ausgespielt und -gebreitet.
Nie agiert das Orchester am Anschlag. Alles ist wunderbar abgeschmeckt, gepflegt auch in den eruptiven Momenten, mit einer auf Samt gebetteten Blech-Fraktion. Pure Noblesse, die auch zum Problem werden kann – nämlich wenn es besonders nihilistisch wird bei Wagner. Der Brutalo-Charme des „Walkürenritts“ teilt sich nicht ganz mit. Auch der Trauermarsch der „Götterdämmerung“, wenn wir alle ins schwärzeste Loch des gesamten „Rings“ schauen, bleibt zwei, drei Eichstriche zu harmlos.
In solchen Minuten scheint Hrůša die Ausschnitte wirklich rein musikalisch zu entwickeln – und das Existenzielle bis Schreckliche auszublenden, das sich gerade auf der Opernbühne tut. Als purer Orchestergenuss funktioniert der bejubelte Abend trotzdem. Auch wenn man den Hustern, die es nun wieder gibt, eine gnädige Isolation gewünscht hätte.