Zwischen Apokalypse und Blödelei

von Redaktion

Das Museum Brandhorst in München zeigt „Future Bodies from a Recent Past“

VON SIMONE DATTENBERGER

Weiß-silbrig sehen sie aus und sind doch Elendsgestalten. „Bródno-Leute“ nennt Pawel Althamer die Gruppe von traurigen Zombies (2010). Im Wandtext der Ausstellung „Future Bodies from a Recent Past – Skulptur, Technologie, Körper seit den 1950er-Jahren“ im Münchner Museum Brandhorst wird der Bezug zu Auguste Rodins „Die Bürger von Calais“ hergestellt. Der polnische Künstler jedoch zeigt in Zusammenarbeit mit Kollegen keinen, der sich für Mitbürger opfert. Die Menschen aus dem Warschauer Stadtviertel sind bereits Opfer: unser aller umweltvernichtenden Konsumsucht und Art des zerstörenden Wirtschaftens. Selbst das Baby in der aus Zivilisationsmüll konstruierten Skulpturengruppe besteht aus Noppenplastikplanen.

Das ist der harsche Auftakt der Schau, die sich mit über 100 Werken von 60 Künstlerinnen und Künstlern über zwei Geschosse des Brandhorst-Museums erstreckt. Im erwähnten ersten Raum signalisiert Kuratorin Patrizia Dander (plus Franziska Linhardt) mit einer Historienwand – von Konrad Zuses erstem vollprogrammiertem digitalem Computer aus dem Jahr 1941 bis zum Weltraumtourismus von 2021 –, dass bei ihrem Konzept immer der gesellschaftspolitische Hintergrund mitgedacht werden soll. Dabei ist „Future Bodies“ zum Glück keine Präsentation moralisierender „Good-will“-Kunst, sondern ein wildes Panorama zwischen Apokalypse und Blödelei, zwischen Maskierung, Metamorphosen und Masochismus, zwischen Nachdenklichem und Verspieltem. Und im besten Fall verschwistert sich eines mit dem anderen. Wer jetzt ins Haus an der Türkenstraße geht, muss also auf allerhand Überraschungen gefasst sein.

Dander betont, dass sich die Skulptur in den vergangenen 70 Jahren so stark verändert habe wie nie zuvor. Das belegt sie mit ihrer vielgestaltigen Exposition, bei der klar ist, dass man noch viel mehr Beispiele finden könnte. Trotzdem versucht sie, mit Saal-Titeln samt Erklärungen, dem Publikum Anhaltspunkte zu geben. Da gibt es die „Technologie des Begehrens“, „Widerspenstige Körper“ oder „Zergliedert“. Fast immer schafft es die Kuratorin, ein stimmiges, kluges, auch mal komisches Zusammenspiel zu komponieren. In letzterem Raum kombiniert sie etwa Paul Theks „Technologische Reliquienschreine“, die menschliches Gewebe zu enthalten scheinen (1965/66), mit Alina Szapocznikows „Fetisch“-Arbeiten, die zärtlich daherkommen können (1971), und Tetsumi Kudos bezaubernden Blättern der Serie „Fossil in Hiroshima“ (1976), ein Titel, der uns das Herz stocken lässt.

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass die Künstlerschaft ganz sicher keine blinde Begeisterung für den technischen Fortschritt – oder was dafür ausgegeben wird – aufbringt. Sie nimmt ihn trotzdem ernst, wie Stephanie Dinkins, die seit 2014 mit dem als Frau ausstaffierten Computer Bina48 Gespräche führt. Für eine umfassende kulturhistorische Einordnung von Körper und Skulptur sorgt freilich Mark Leckey mit seinem Museum im Museum namens „UniAddDumThs“ (2014 fortlaufend). Die museal inszenierten „Sektionen Tier, Mensch, Technik“ versammeln teils ironisch Exponate aus Jahrtausenden; manche von Leckey selbst geschaffen, andere stammen aus Museen und von Kollegen, der 3-D-Drucker macht’s möglich. Und so lernt man ausgerechnet in der Ausstellung „Future Bodies“, dass wir Menschen uns immer schon auf unglaublich fantasievolle Weise mit Leibern auseinandergesetzt haben.

Bis 15. Januar 2023,

Di.-So. 10-18 Uhr,

Do. bis 20 Uhr; weitere

Informationen auch zum Rahmenprogramm (Filme!) unter www.museum-brandhorst.de.

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