„Servus Minga!“

von Redaktion

Die Rolling Stones feiern ihr 60. Band-Jubiläum im Münchner Olympiastadion

VON MICHAEL SCHLEICHER

Dieser Konzertabend im Olympiastadion ist kaum zehn Minuten alt, als er auf einen ersten emotionalen Höhepunkt zusteuert. Die Rolling Stones haben gerade „19th nervous Breakdown“ von 1966 in einer herrlich rotzigen Version beendet, als Mick Jagger an ihren Schlagzeuger und Freund, den passionierten Anzugträger und Gentleman der Band erinnert: Charlie Watts, der im vergangenen August gestorben ist. „Wir vermissen ihn sehr.“ Jaggers Worte sind noch nicht verklungen, da reißt der Himmel zum ersten Mal an diesem Pfingstsonntag über dem Olympiapark auf – und die Sonne sendet einen in herrlichem Abendrot getupften Gruß übers Rund. So es denn wirklich die Sonne war.

Der Auftritt der Stones in München ist Konzert Nummer zwei der aktuellen Europatour, die am Mittwoch in Madrid gestartet ist (wir berichteten). Es ist zudem die 116. Show in Deutschland seit Gründung der Band vor 60 Jahren, wie Jagger später am Abend berichten wird. Die Briten nutzen das Jubiläum nicht nur, um zu zeigen, wie fit sie sind (Ronnie Wood, der Jüngste des Trios, ist gerade 75 geworden), sondern vor allem für eine Art Werkschau. Seht her: Das sind unsere Wurzeln. Und die gründen tief im Blues.

Zu erleben ist das etwa bei „Living in a Ghost Town“. Die Interpretation dieses, nun ja, „Corona-Songs“ der Stones von 2020, ist tatsächlich eines der musikalischen Ausrufezeichen des Auftritts. Das Lied schleicht und schmiegt sich ins volle Stadion wie eine fiese kleine Rhythm’n’Blues-Nummer – Keith Richards und Ronnie Wood spielen die Motive auf ihren Gitarren an und einander zu, bis sich Jaggers Harp einschaltet und den herrlichen Spaß in den Wahnwitz dreht.

Der Frontmann ist in München gut in Form. Die erste halbe Stunde muss er zwar ab und an etwas pumpen und durchschnaufen, dann hat er seinen Rhythmus gefunden, tanzt wie ein Derwisch, flirtet stilsicher mit dem Publikum („Servus Minga!“) – und erzählt von seinem freien Samstag in der Stadt (siehe Artikel unten): „Gestern hatte ich ein Bier im Englischen Garten. Es war Bikini-Wetter. Nicht viele Bikinis heute Abend.“

Jaggers Stimme sind seine 78 Jahre kaum anzuhören, selbst die Höhen – wie bei „Miss you“ – sitzen. Die Nummer ist dramaturgisch geschickt zur Hälfte platziert, markiert den Übergang zu den ganz großen Klassikern, vor allem aber ist sie ein Fest für die Begleitmusiker, die bereits bei „Tumbling Dice“ gezeigt haben, wie viel Soul in ihnen steckt. „Miss you“ ist zweifelsohne der Augenblick des Darryl Jones. Er gibt dem Titel durch sein virtuoses, punktgenaues Spiel am Bass eine Dringlichkeit und Unmittelbarkeit, die ganz weit weg von jeglicher Routine ist. Spätestens jetzt sitzt niemand mehr im Stadion.

Wie rund die Beziehung zwischen den Stones und ihrem Publikum läuft, zeigt sich natürlich bei Mitsing-Titeln wie „Out of Time“, besonders jedoch bei „You can’t always get what you want“, als die Band das Tempo zum Ende hin ordentlich anzieht – und dennoch keiner aus der Kurve getragen wird.

Apropos Fans: Die sind in München von Beginn an bei der Sache, als Jagger, Richards und Wood mit einem charmanten Videofilm nicht nur an Charlie Watts (1941-2021) erinnern, sondern sich durch sein Spiel auch den Takt für die Eröffnung mit „Street Fighting Man“ vorgeben lassen. Eine schöne Idee und angemessene Würdigung. Seit dem Tod des Drummers sitzt Steve Jordan hinterm Schlagzeug – er bevorzugt einen satten, kantigen Sound, ein ordentliches Fundament für das mitunter überraschend filigrane Gitarrenspiel von Wood und Richards.

Bevor die Stones nach mehr als zwei Stunden mit „Satisfaction“ zum Finale dann wirklich alle schwindlig spielen, gibt es „Gimme Shelter“ und damit einen fantastischen Auftritt von Sasha Allen, die sich ein taffes, hinreißendes Duett mit Jagger liefert. Mehr noch: Dieser Titel aus dem Jahr 1969 sorgt zudem für einen Moment, der wie der Beginn dieses Abends über die Musik hinausweist: Auf den Leinwänden sind Aufnahmen aus ukrainischen Städten zu sehen, die durch russische Angriffe zerstört wurden. It’s only Rock’n’Roll? Denkste.

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