Witz lass nach

von Redaktion

PREMIERENKRITIK Rossinis „Barbier von Sevilla“ bei den Salzburger Pfingstfestspielen

Als Piratin kreuzt sie in Schwarz-Weiß über die Meere, auch als Cleopatra begegnet sie ihm auf der Leinwand, als heilige Johanna – und irgendwann ist sie da. Livehaftig, in Farbe, dreidimensional, im eng geschnittenen Carmen-Kleid und mit zuverlässig ratternder Koloraturmaschine. Herausgetreten aus dem Film ins Leben. Was gut abgehangener Regie-Einfall (siehe etwa Woody Allens „Purple Rose of Cairo“) mit Gähn-Gefahr ist, kommt dem Star hier zugute: Jeder weiß, dass man Cecilia Bartoli die jungfräuliche Rosina, 1987 ihre erste Bühnenrolle, anno 2022 nicht ganz abnimmt. Doch über den Umweg einer Kino-Diva, die sich für ihren größten Fan, einen namenlosen, stummen Filmvorführer materialisiert, könnte das was werden.

Ganz allerliebst, mit fein-ironischen Videos von rocafilm, ist auch die erste Viertelstunde dieses „Barbier von Sevilla“ bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Die singende Chefin gönnt sich dafür einen Rückfall in die Karriere-Jugend. Und als erstaunter Zuhörer konstatiert man auch im weiteren Verlauf der Premiere: alles da. Die Geläufigkeit, die frappierende Atemtechnik, die lustvolle Ton-Jonglage, die kluge Kontrolle in Extremlagen. Nur drei, vier herbe, offene Klänge in tieferer Lage deuten auf die fortgeschrittene Laufbahn hin. Und was auch noch aktuell ist: die Kollegialität von Santa Cecilia, die Treue zu langjährigen Weggefährten.

Auch deshalb sitzt Rolando Villazón, Ex-Tenor und Chef der Salzburger Mozartwoche, im Regiestuhl. Seine Kino-Leidenschaft darf er ausleben und vielerlei mehr. Und irgendwann, obgleich dem italienischen Verwandlungskünstler und Schauspieler Arturo Brachetti als Filmvorführer hier Wunderzartes bis Bizarres glückt, ist das Konzept ziemlich egal. Da biegt die Aufführung ein in eine ADHS-gefährdete Karikaturenparade, in eine leerlaufende Gag-Folge, in einen bald krampfigen Dauer-Humor wie beim Onkel auf Familienfesten, der sich über seine eigenen Witze am meisten amüsiert.

Harald B. Thors verschiebbare Bühnen-Elemente deuten hin auf ein Filmstudio. Wer will, darf mitmachen bei Villazóns cineastischem Rätselraten. Almaviva lässt als Zorro den schwarzen Umhang bauschen. Musiklehrer Basilio, von Ildebrando D’Arcangelo mit mächtigem, grobkörnigem Bass gesungen, geistert als langfingriger Nosferatu durch die Szene. Frankensteins Monster soll Schrecken verbreiten. Und im Finale des ersten Akts stehen sich kämpfende Römer, Samurai, Kaiser Wilhelm und Kosaken gegenüber. Ziemlich zweckfrei ist das bis problematisch: Lustig ist das Kriegerleben? Da hätte ein wohlmeinender Dramaturg Villazón besser beiseite genommen. Auch, was die Überwürzung mit Komik betrifft. Der Abend schreit bald nach Struktur, Kanalisierung und Rhythmus.

Ein Paradox tut sich da auf. Dirigent Gianluca Capuano und Les Musiciens du Prince verbreiten Rossini-Swing, bei dem allen in Parkett und Rängen die Beine zucken. Trockene Akzente und Überraschungseffekte hört man, auch Aggressives, eine stark akzentuierte Rhythmik. Capuano hat sich viele Gedanken über Aufführungspraxis gemacht, über falsche Belcanto-Traditionen, übers improvisatorische Potenzial des Stücks. Wie beim Kollegen René Jacobs gibt es partiturfremde Zutaten. Das Hammerklavier zirpt während der Rezitative fleißig Zitate aus anderen Musikstücken. Kastagnetten klickern, zum Aufmarsch der Soldateska rummst die Trommel. So flott das alles ist, so sehr krankt die Sache auch musikalisch an den Extras. Ergebnis ist der mit über dreieinhalb Stunden inklusive Pause wohl längste „Barbier“ der Geschichte. Sogar die große, meistens gestrichene Almaviva-Arie gegen Ende wird serviert – und plötzlich zum Duett mit der Geliebten. Vielleicht hat die Chefin ein Machtwort gesprochen. Alle effektvollen Koloraturen mochte Cecilia Bartoli dann doch nicht Edgardo Rocha überlassen.

Der lässt seinen Tenor elegant durch den Rossini-Slalom gleiten. Ein Feinzeichner, kein Feuerwerker. Töne aus der Stanzmaschine sind ihm fremd, stilistisch gesehen bringt das großen Mehrwert. Dafür trumpft Nicola Alaimo als Figaro mächtig und höhensicher auf. Das Überdrehte der Inszenierung liegt ihm. Auch die Selbstironie, mit der er seine Körperfülle ins Feld führt. Ganz alte Schule ist dagegen Alessandro Corbelli als Bartolo. Die vokale Geläufigkeit hat sich der Rossini-Veteran bewahrt. Auch das Gefühl dafür, wie viel Commedia sein darf und wo das Chargieren beginnt. Im Grunde hätten sich Villazón und der Kollege nur auf eine Melange zusammensetzen müssen. Das Gespräch mit einem Naturkomiker hätte dem Abend vieles erspart.

Weitere Vorstellungen

bei den Salzburger Sommerfestspielen am 4., 8., 11., 14. und 16. August;

salzburgerfestspiele.at.

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