München reitet die Retro-Welle

von Redaktion

Whitesnake, Europe und Axel Christensen lassen für einen Abend die Achtziger- und Neunzigerjahre aufleben

VON KATRIN BASARAN UND DOMINIK GÖTTLER

Ziemlich heiß ging es am vergangenen Sonntag zu – und das lag nicht nur an den hohen Temperaturen. In der Isarphilharmonie schwang sich Alex Christensen ans Mischpult und holte die Dance-, Rave- und Technohits zurück aus den Achtziger- und Neunzigerjahren. Im Zenith wiederum ließen Europe und Whitesnake das Quecksilber im Thermometer noch ein wenig höher steigen. München reitet die Retrowelle – unsere Kritiken:

Schweißtreibend! Anders kann man den Doppelauftritt von Whitesnake und Europe im Zenith nicht nennen. „Was für eine heiße Nacht“, ruft Whitesnake-Frontmann David Coverdale seinen Fans zu. Aber die lassen sich von der Hitze nicht ärgern. Sie brauchen von dem Altstar auf der Bühne ohnehin nicht viel mehr als ein paar Stichwörter, um die Zeilen von Achtzigerjahre-Hymnen wie „Here I go again“ oder „Still of the Night“ lautstark mitzusingen.

Das kommt Coverdale, Jahrgang ’51, ganz gelegen. Denn stimmgewaltig ist er zwar noch immer, aber in den höheren Ton-Etagen lässt er sich dann doch von seinen Hintergrundsängern aushelfen – oder eben vom textsicheren Publikum.

Es ist alles dabei für die Zeitreise in die Achtziger. Hautenge Leder-Leggins, breitbeinige Kopfüber-Solos mit dem Umhängekeyboard, eine Schlagzeugeinlage mit den blanken Fäusten – Coverdale und seine Band beschwören den Geist einer Zeit, in der die Männer vor der Testosteronshow auf der Bühne noch länger in der Maske brauchten als die Frauen. Was Bands wie Steel Panther oder TV-Serien wie „Stranger Things“ heute mit einem Augenzwinkern persiflieren, wird hier noch gelebt – Jahrtausendwende hin oder her.

Die Dauerwellendichte ist übrigens nicht nur auf der Bühne hoch, auch wenn im Publikum so mancher Pferdeschwanz nicht mehr ganz so voluminös ausfällt wie noch vor 40 Jahren. Nur eins hat sich geändert: Während früher bei einer der zahllosen Powerballaden die Feuerzeuge in die Höhe gereckt wurden, sind es heute die Smartphones.

Damit den Zuschauern auch das volle Programm an Retro-Rock geboten wird, haben sich die Briten von Whitesnake ihre schwedischen Hard-Rock-Kollegen von Europe für die Tour mit ins Boot geholt. Auch die sind nach längerer Pause seit 2004 wieder aktiv und machten mit „The final Countdown“ oder „Carrie“ gleich mal klar, was das für ein Abend werden wird: ein wunderbarer Anachronismus.

Was dann auch für die Isarphilharmonie galt. Irgendwie passte das hier auf den ersten Blick aber nicht zusammen: Techno-Vibes und Sitzplätze. Auch die Bühne mit den Hightech-Videowänden und den weiß gekleideten Musikern vom The Berlin Orchestra hatten so gar nichts gemein mit den dunklen und abgeranzten Dancehöhlen der Achtziger und Neunziger, in denen zu heftigen Beats und wildem Lasertheater wie in Trance abgezappelt wurde. Aber gut, die damaligen Jünger der DJ-Halbgötter sind nun auch schon etwas in die Jahre gekommen. Doch dann vollzieht sich eine Metamorphose: Einer jener Unsterblichen, Alex Christensen nämlich, der so ganz in Weiß auch einer Orthopädiepraxis entsprungen sein könnte, ging hinter seinem – natürlich – weißen Mischpult mit seinen Initialen AC in Stellung. Schon sprangen die Massen zu „More and More“ von Captain Hollywood Project und begleitet vom eindringlichen Uffz Uffz Uffz von ihren Stühlen. Manch einer klatschte, etliche rasteten vor Freude aus und andere wiederum beobachteten andächtig die Glitzershow, durch die Christensen zunächst verbal noch etwas holprig, dann immer flüssiger, gelöster und charmanter führte. Unterstützung erhielt der 55-Jährige von drei grandiosen Sängerinnen und einem Sänger/Rapper, einem Saxofonisten, einer Violinistin und einem Trommler – und eben von den eigentlich klassisch ausgebildeten Orchestermusikern. Und so tänzelte und zappelte man zu „Das Boot“, „Rhythm is a Dancer“, „I like to move it“, wurde melancholisch bei „Children“ von Robert Miles (1969-2017), sang mit bei „Barbie Girl“ und „Sweet Dreams“ von Eurythmics. Ein Ritt in die Vergangenheit, vielleicht nicht mehr ganz so wild, aber herrlich nostalgisch. Und mit einem Sitzplatz, falls dann doch mal die Puste ausging.

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