Tanz in der Katastrophe

von Redaktion

PREMIERENKRITIK Noam Brusilovsky öffnet seine „Arche Nova“ im Volkstheater

VON TERESA GRENZMANN

Der Einlass ins Theater geschieht paarweise. „Sind Sie bereit für die Katastrophe?“ „Klar“, antworten wir spontan, dann werden wir stutzig. War diese eigenartige Lotsen-Choreografie draußen im Hof gerade eine Übung? Für eine Rettung im Ernstfall? Die gute Nachricht: So weit wird es nicht kommen. Die schlechte: Weil der Ernstfall längst eingetreten ist – wir leben bereits in und mit der Katastrophe. Nach einer Partynacht auf der Neuen Arche wollten wir wieder an Land gehen und ein Taxi nach Hause nehmen, doch der katerumnebelte Blick zeigt: Hoppla, das Land, das Taxi, das Zuhause gibt es gar nicht mehr.

Ganz so einfach, wie es sich einst der alttestamentarische Gott gemacht hat – Wasser marsch, und nur die handverlesenen Wesen auf der Arche Noah werden gerettet – kann mit der durchseuchten und für Kriege missbrauchten Schöpfung des 21. Jahrhunderts allerdings nicht verfahren werden. Also hat der Theater- und Hörspielmacher Noam Brusilovsky assoziativ Texte und DJ-Klänge zusammengezimmert und lädt nun alle Passagiere in seine „Arche Nova“ auf Bühne 2 des Münchner Volkstheaters.

Als Animationsprogramm nach Stationstheater-Art warten dort diverse Kunst-Stücke, hebräischer Rap – und viel Wissen. Die gut einstündige performative Fußreise (Sitzplätze gibt es nur vereinzelt) ist vor allem ein Hörerlebnis. Sie führt in fünf Kapiteln über den schmalen Grat zwischen Fantasie und Wirklichkeit, den seit jeher das Theater baut. Über kuriose Forscherfunde in viertausend Metern Höhe und spektakuläre Nachbauten der biblischen Arche, die zum Freizeitpark dienen, bevor sie beim Untergang der Niederlande benötigt werden, gelangen wir zu spirituellen Deutungen im 12. Jahrhundert als „Haus Gottes in uns“, zum mittelalterlichen Mysterienspiel als Welt-Theater und zu den Bräuchen, die einst die Schiffbauer in den Bühnenbau einbrachten.

Wieder einmal im Theater vis-à-vis dem Schlachthof ahmen Schauspieler Tiere nach. In futuristisch queerbunten Neopren-Kostümen nehmen Dor Aloni, Ruth Bohsung, Lukas Darnstädt, Steffen Link, Henriette Nagel, Pola Jane O’Mara und Vincent Sauer alsbald direkten Bezug auf die Oberammergauer Passionsspiele von Doppelintendant Christian Stückl und deren ursprüngliche Mission, vor der Pest zu schützen, frieren zwischen Baumstamm und Autowrack zu „Lebenden Bildern“ ein, kümmern sich in seltsamen Ritualen um deren Wunden. Schließlich fordern sie zum Tanzen auf. Aber Moment mal: Während draußen eine Sintflut wütet? Ist uns tatsächlich nach Tanzen zumute? Nutzen wir Kunst zur Flucht aus der Realität? Möglich. Bloß was in diesem apokalyptischen und doch absolut lebensfrohen, humorvollen und doch nur trügerisch tänzelnden, in diesem hippen und doch irgendwie auch braven nach-biblischen Wanderspiel ist oder wäre denn die Rettung? Picassos Taube etwa, die auch auf Brechts Berliner Bühnenvorhang zum Symbol für den Frieden wurde – und für die Kunst zu leben? Oder zumindest die Federn, die von ihr übrig sind?

Nächste Vorstellungen

heute sowie am 6., 7. und 13. Juli; Telefon 089/523 46 55.

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