Kirche der Sünde

von Redaktion

MÜNCHNER OPERNFESTSPIELE Sopranistin Aušrinė Stundytė über „Die Teufel von Loudun“

Mit Rollen in Prokofjews „Der feurige Engel“ oder Reimanns „Lear“ hat sich Aušrinė Stundytė an der Bayerischen Staatsoper als Spezialistin für das Repertoire des 20. Jahrhunderts eingeführt. Wenn sich am kommenden Montag der Vorhang zur Premiere von „Die Teufel von Loudun“ hebt, ist die litauische Sopranistin erneut in einer Partie zu erleben, die nicht nur musikalisch, sondern auch emotional einiges abverlangt. Die Oper von Krzysztof Penderecki steht im Mittelpunkt der Münchner Opernfestspiele, die an diesem Freitag mit einer Ballett-Premiere eröffnet werden. „Die Teufel von Loudun“ wurden 1969 in Hamburg uraufgeführt. Das Stück dreht sich um einen unzüchtigen Pater, der von Jeanne, Priorin eines Klosters, beschuldigt wird. An Jeanne wird daraufhin ein Exorzismus vollzogen, weil aus ihr angeblich Teufel sprechen. Die Oper basiert auf einem Roman von Aldous Huxley.

Wie haben Sie reagiert, als Ihnen diese Rolle angeboten wurde?

Ich dachte: Schon wieder so eine Exorzismus-Geschichte. Ich habe das Gefühl, wenn so etwas ansteht, bin ich immer die Erste, die man fragt. (Lacht.) Trotzdem ist es ein sehr spannender Stoff. Und gar nicht so depressiv und dunkel, wie man am Anfang denkt. Das Stück hat viele komische Momente. Ich wollte, ich könnte eine der männlichen Partien singen. Da gibt es einige lustige Figuren.

Fällt es Ihnen leicht, nach solchen Grenzerfahrungen abzuschalten? Oder begleiten Sie Ihre Rollen auch nach Ende der Vorstellung?

Nach dem „Feurigen Engel“ falle ich immer in ein tiefes Loch, weil es mich sehr mitnimmt. Bei Penderecki ist das zum Glück nicht so, weil es hier viele verschiedene Ebenen gibt.

Neben den historischen Begebenheiten finden sich in den „Teufeln“ zahlreiche politische Untertöne, die immer noch ziemlich aktuell erscheinen. Wurde das auf den Proben mit Regisseur Simon Stone thematisiert?

Vor den Proben dachte ich, dass hier ein großes Potenzial für #MeToo wäre. Aber nachdem wir uns zusammen die Verfilmung von Ken Russell angesehen haben, war klar, dass die politische Ebene viel stärker ist. Die Kirche und der Teufel sind eigentlich nur Kulisse. Man nimmt Fakten und formt sie zu etwas, das einem selbst nützlich ist.

Wo liegen für Sie die Herausforderungen Ihrer Partie?

Bei Jeanne sind viele Fragen offen. Wir kennen ihre Vorgeschichte nicht und wissen nicht, warum sie im Kloster ist. Im Film ist sie keine Sympathie erzeugende Figur und sehr eindimensional gezeichnet. In der Oper hat sie mehr Farben, was uns Gelegenheit gibt, sie als Mensch kennenzulernen. Sie ist eine Frau, die viel gelitten hat, dadurch aber auch für die Schmerzen anderer abgestumpft ist.

Basteln Sie sich während der Vorbereitung auf neue Rollen eine eigene Hintergrundgeschichte oder entwickeln Sie die Figuren zusammen mit der Regie?

Ich bereite mich nur musikalisch vor, weil es sonst meist doppelte Arbeit ist. Regisseure kommen oft mit neuen Ansätzen. Da dauert es nur länger, erst meine Ideen abzuschaffen und dann gemeinsam etwas Neues zu finden. Aber auch durch die Musik bekommt man natürlich ein Gefühl für die Figur. Bei Jeanne höre ich viel Zärtlichkeit, aber auch Traurigkeit.

Tatiana Troyanos, die Jeanne der Uraufführung, hat Penderecki im Rückblick vorgeworfen, dass er nicht für Stimmen schreiben könne.

Also bequem ist es definitiv nicht. Das Schwierige liegt für mich allerdings eher im Wechsel zwischen Sprechen und Singen. Das strengt die Stimme schon an. Aber wir haben ein akustisch dankbares Bühnenbild, das uns hilft. Und die Arbeit mit Maestro Vladimir Jurowski ist sowieso ein Geschenk. Die Musik an sich finde ich unglaublich schön. Sie hat Atmosphäre und ist sehr angenehm zu hören.

Ihre Webseite listet viele italienische Rollen. Trotzdem scheint man Sie meist eher für das „spezielle“ Repertoire anzufragen.

Es ist nicht so, dass ich jetzt verkündet hätte, dass ich lieber modernes Repertoire singe. Das ist ganz automatisch passiert. Ich bin jemand, der sich schnell langweilt. Ich liebte den Verismo über alles. Aber nach der fünften „Madama Butterfly“ oder „Tosca“ war es irgendwie genug – so genial diese Opern sind.

Ist es Ihnen wichtig, mit welchen Regieteams Sie arbeiten?

Wichtig nicht, aber es freut mich sehr, wenn die Regie fordert.

War es schon immer klar, dass Ihre Stimme einmal ins dramatische Fach gehen würde?

Am Anfang dachte ich, dass ich es gar nicht auf die Opernbühne schaffe, weil die Stimme zu klein ist. Daher habe ich parallel auch viel Jazz gemacht. Ich bin damals nach Deutschland gegangen, um Mozart zu singen. Aber es war nie so richtig gut – bis die erste Butterfly kam. Dieses Klischee, dass jeder mit Mozart anfangen muss, ist also vielleicht auch falsch. Singen ist kompliziert. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, da gibt es kein Patentrezept.

Das Gespräch führte Tobias Hell.

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