Für einen Moment ist da Ernüchterung. Seit 1981 – mehr als 40 Jahre! – fragt Udo Lindenberg im gleichnamigen Song „Wozu sind Kriege da?“. Mit Nachdruck und mit Kinderchor. So tat er’s auch bei seinen bisherigen Konzerten der aktuellen Udopium Live Tour, mit der er gestern Abend in der Münchner Olympiahalle Station machte. Unsere Zeitung war vorab bei der Show in Frankfurt dabei. Und als man so mit leuchtendem Feuerzeug in der Hand die Arme bei Udos Antikriegs-Lied schlechthin schwenkte, wurde einem kurz schwer ums Herz. Hier in der Konzerthalle sind sich doch alle einig, ein jeder fühlt doch, dass Kriege sinnlos und nichts anderes als schrecklich sind! Und trotzdem fallen in Europa wieder Bomben, rollen weltweit Panzer, werden Menschen ermordet, Frauen und Kinder vergewaltigt. Was bringt ein Lied, wenn auch der Pazifist Udo Lindenberg die Schlachtfelder dieser Welt nicht mit Flower Power bepflanzen kann?
Diese Fragen gehen einem durch den Kopf, als am Ende ein kleines Mädchen auf der Bühne mit den desillusionierenden Worten schließt: „Wozu Kriege nötig sind? Ich bin wohl noch zu klein / Ich bin ja noch ein Kind.“ Dann bricht der Jubel aus. Und inmitten der Gruppe von Fans wird einem klar: Man selbst und auch der Panik-Rocker allein können vielleicht nicht die ganze Welt retten – aber dieses Gemeinschaftsgefühl im eigenen kleinen Kosmos weitertragen. Sich davon inspirieren lassen zu guten Taten. Aufmucken, wenn Unrecht geschieht. Keine Angst haben vor Autoritäten. Damit eine bessere, friedvollere Zukunft für alle keine Udopie bleibt, sondern die Menschheit sich wirklich bessert.
Wenn man also trotz Krieg, trotz treibender Inflation, trotz Corona-Sommerwelle und Klimawandel für ein paar Stunden Leichtigkeit spürt, dann muss es ein Konzert von Udo Lindenberg sein. Trotz allem: Keine Panik!
Vielleicht passierte wegen dieser Sehnsucht der Fans nach etwas Hoffnung in schier hoffnungslosen Zeiten, was selbst einem Künstler wie dem Hutträger aus Hamburg noch nicht passiert ist: Eine Stunde nachdem der exklusive Vorverkauf für die Udopium Live Tour gestartet war, waren bereits 60 000 Tickets weg, am Ende des Tages, noch ehe am nächsten Morgen der allgemeine Vorverkauf losging, hatten schon 100 000 Fans ihre Karten geordert. Udo Lindenberg, der auch mit seinen mittlerweile 76 Jahren Unermüdliche, reagierte sogleich. Setzte wie berichtet kurzerhand drei Zusatzkonzerte an. Und so endet seine Tour nicht wie geplant an diesem Samstag, sondern erst am Sonntag in Mannheim.
Ob dort, in Frankfurt oder wie gestern Abend im Münchner Olympiapark: Udo Lindenberg trägt uns durch die schweren Zeiten. Klingt gut, tut gut.