Dokumente der Regierung Hitler

von Redaktion

NEUERSCHEINUNG Die „Akten der Reichskanzlei“ liegen jetzt auf 12 000 Seiten komplett vor

VON DIRK WALTER

Der Titel ist nüchtern, vielleicht sogar zu nüchtern. „Akten der Reichskanzlei. Die Regierung Hitler“, so nennt sich eine der wohl bedeutendsten Quelleneditionen zur deutschen Zeitgeschichte, die jetzt nach jahrzehntelanger Arbeit abgeschlossen vorliegt. 12 000 Seiten, elf Bände und endloser Editorenfleiß, der am Dienstag mit einem Vortragsabend in der Kaulbach-Villa des Historischen Kollegs gewürdigt wurde. Vor allem gab es Beifall für einen der Mitarbeiter, Friedrich Hartmanns-gruber, der seit 1989 an der Edition arbeitete und sein ganzes Berufsleben damit verbracht hat. Als er 2017 in Ruhestand ging, lagen immerhin acht Bände vor. Jetzt ist – nach seinen Vorarbeiten – der letzte bei De Gruyter/Oldenbourg erschienen.

Die Edition macht das Regierungshandeln und die Verantwortlichkeiten von Hitlers Verwaltungsapparat in nicht bekanntem Ausmaß deutlich, sagte der Münchner Historiker Hans Günter Hockerts in einer Einführung. Ohne „die Effizienz“ deutschen Beamtentums wäre Hitler „wohl nicht lange an der Macht geblieben“. In der Edition ist vor allem der Schriftverkehr von Hitlers Reichskanzlei abgedruckt, denn das Reichskabinett hatte unter Hitler, der dialogische Entscheidungsfindung hasste, rapide an Bedeutung verloren und tagte seit 1938 gar nicht mehr. Der in der Öffentlichkeit kaum bekannte Leiter dieser Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers, indes bestimmte als „Schnittstellenmanager“ (Hockerts) die Verwaltungsabläufe. Der Nutzwert der Edition sei hoch, sagte Hockerts, und bringe auch zu Hitler selbst neue Fakten. So sei zum Beispiel nicht bekannt gewesen, dass der Diktator persönlich die Zwangssterilisation sogenannter „Rheinland-Bastarde“ – also Kinder deutscher Frauen und französischer, aus den Kolonien stammender schwarzer Besatzungssoldaten – verfügt hat.

Auch die Ukraine taucht in Vermerken von Lammers auf, die er über seine Vorträge bei Hitler anfertigte. Interessant: Hitler sah die Ukraine lediglich als „geografischen Begriff“, billigte dem Land keine eigene Staatlichkeit zu. Als 1941 die Gründung einer Universität in Kiew erwogen wurde, reagierte er mit schroffer Ablehnung: Es genüge doch, wenn „die sogenannten Ukrainer lesen und schreiben lernen“. Aber auch Kurioses findet sich in den Akten: Hitler mischte sich in alles ein, verbot zum Beispiel den Plan, deutsche Autokennzeichen mit weißer Schrift auf schwarzem Grund herstellen zu lassen.

War „die Regierung Hitler“ (oder sollte man besser sagen: der Beamtenapparat der Hitler-Diktatur?) nun effizient oder chaotisch? Der Freiburger Zeithistoriker Ulrich Herbert ordnete diese lang anhaltende Fachkontroverse präzise ein und zeichnete das Bild einer im Ganzen doch erstaunlich durchsetzungsfähigen und gerade deswegen monströsen Beamtenschaft. Immerhin habe sie es zum Beispiel geschafft, trotz einer verwirrenden Flut von 1000 Einzelerlassen zur Behandlung ausländischer Zwangsarbeiter 15 Millionen von ihnen nach Deutschland zu deportieren. Seine These, die vermeintlich unpolitischen Beamten hätten qua innerer Überzeugung Hitlers Willen zur Entfesselung totaler Gewalt antizipiert und gewissermaßen „dem Führer entgegengearbeitet“, wird wahrscheinlich noch breiter diskutiert werden.

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