Was für ein Gemächt! Jedermann präsentiert es gern. Breitbeinig sitzt er da, in seinem königlichen Wams. Renate Martin und Andreas Donhauser (Bühne/Kostüme) haben einen Phallus in Lars Eidingers Jedermann-Kostüm genäht. Überdeutlich wird die Botschaft, die der Schauspieler selbst mit seiner Interpretation der Titelrolle aussenden möchte: Schaut her, wohin uns toxische Männlichkeit führt. „Wer bin ich denn? Der reiche JederMANN.“ Und deshalb ist eine der stärksten Szenen an diesem starken Premierenabend bei den Salzburger Festspielen die, als die Buhlschaft (Verena Altenberger) ihm den feisten Umhang sanft vom Leib zieht. Nackt bis auf die Unterhose steht der Jedermann jetzt da – und ist auf einmal voller Zärtlichkeit. Der Weg ist frei für reine Liebe, ohne Dominanz. Denn wo zwei einander ehrlich zugetan sind, begegnen sie sich auf Augenhöhe.
Das ist das größte Verdienst der Altenberger: Ihr gelingt es, eine Buhlschaft zu zeigen, der man die Zuneigung zu ihrem reichen Mann abnimmt. Ihre Buhle ist keine Gold Diggerin, die abhaut, wenn der Spaß zu Ende ist. Diese Frau liebt wahrhaftig. Und er liebt sie. In dieser Liebe sind sie gleichberechtigt. Da gibt es kein patriarchales Machtgefälle mehr. Wenn sie voneinander Abschied nehmen, weil seine Frist auf Erden bald verstrichen ist, liegt ein Flirren in der Luft. In einem intensiven, erotischen Körperballett aus Verführung, Hingabe, dann wieder ihrem Aufbegehren gegen seinen verzweifelten Versuch, sie auf die letzte Reise mitzunehmen, wird deutlich, dass die Buhle mit sich ringt. Sie macht es sich nicht leicht. Auch sie ist verzweifelt. Doch ist schon weiter als ihr kindsköpfiger Partner, der meint, sich aus der Situation mal wieder heraustricksen zu können. Die Buhlschaft weiß, dass sie ihn gehen lassen muss. Jeder stirbt für sich allein.
Unverkennbar hatten Altenberger und Eidinger an der Entstehung dieser Inszenierung massiven Anteil. Wie berichtet, überarbeiteten sie mit Regisseur Michael Sturminger 2021 dessen fade Interpretation von 2017, ach was, sie schufen etwas völlig Neues. Und es gelang ihnen Grandioses, nämlich: Dem „Jedermann“ wieder eine Stimme zu verleihen, der man gern zuhört. Weil man nicht mehr das Gefühl hat, eine unzeitgemäße, am Ende gar zu einfach gelöste, frömmelnde Geschichte zu erleben. Plötzlich erkennt man, wie aktuell die Fragen sind, die Hugo von Hofmannsthal 1911 in seinem Spiel vom Sterben des reichen Mannes verhandelte. In Zeiten von Pandemie, Krieg in Europa, Klimawandel, #MeToo spürt man eine neue Dringlichkeit.
Und fühlt sich – ob jedermann oder jederfrau – angesprochen. Zum einen durch die genderfluiden Kostüme. Und auch deshalb, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler es sich erlauben, die vierte Wand zu durchbrechen. Schallen die „Jeeeeeedermann“-Rufe über den Domplatz und niemand auf der Bühne hört’s, nur der tragische Titelheld, da meint der trocken zum Publikum: „Ihr hört’s auch, oder? Ihr könnt’s auch hören!“ Und wenn dann Edith Clever mit ihren 81 Jahren als Tod auftritt, kann sich niemand ihrem Blick entziehen. Langsam lässt Clever ihre Katzenaugen über die Zuschauerreihen wandern. Von Mensch zu Mensch. Bedenke, dass du sterblich bist. Auch du, der du da die laue Salzburger Sommernacht genießt. Denn: „Ich komm halt schnell.“
Da hilft kein Flehen und kein Heulen. Jedermann probiert es ja. Wie Eidinger selbst den Totenruf wiederholt, aus Leibeskräften Jedermanns Namen brüllt, auf dem Gesicht ein Mix aus Tränen, Rotz und Schweiß, ist jeder Reichtum vergessen. Da steht er, der arme Tor. Ein jämmerlicher, nackter Mann. „Ganz allein.“
Dabei sind da so viele, die ihm helfen könnten. Jeden im Ensemble müsste man erwähnen, weil sie – man hat das Gefühl, noch freier als 2021 – alle den Abend zu relevanter Unterhaltung machen. Stellvertretend sei etwa Mirco Kreibich genannt, dieser Körperakrobat. Welch kluge Entscheidung, ihn Schuldknecht und Mammon spielen zu lassen. Als Ersterer kämpft er zu Beginn im auf der Bühne aufgebauten Boxring chancenlos gegen den übermächtigen alten weißen Jedermann. Doch alle Schläge, die er in dieser tragikomischen Slapstick-Nummer kassiert, kann er dem Gegner später in der Rolle des Mammon zurückzahlen. Das letzte Hemd hat keine Taschen – sein Geld kann der Reiche nicht ins Jenseits mitnehmen. Klug nimmt die Inszenierung hier die Choreografie der Schuldknecht-Szene wieder auf. Doch diesmal verliert Jedermann.
Oder Angela Winkler. Sie geht auf in der Rolle der sanften Mutter, die sich so sorgt um ihren „lieben Sohn“. Und wieder siegt die Zärtlichkeit über testosterongeschwängertes Machtgehabe. Als der Bursche einmal breitbeinig neben ihr sitzt, da drückt die Mama voll überschwänglicher Zuneigung sein linkes Bein. So beherzt, dass er seine Haltung ändern muss. Er tut es noch unbewusst. Erst am Ende lernt er, sich wie ein Erwachsener zu verhalten. Sich der Konsequenzen seines Handelns bewusst zu werden.
Und wann lernen wir’s?
Infos
zu möglichen Restkarten der nächsten Vorstellungen: salzburgerfestspiele.at