„Wir sind kein Schattenreich Putins“

von Redaktion

Die Salzburger Festspiele müssen sich in diesem Jahr für ihre Künstler und Sponsoren rechtfertigen

VON MARKUS THIEL

Auf jeden Fall werde Teodor Currentzis bei den Festspielen auftreten. Er sehe überhaupt nicht ein, so Intendant Markus Hinterhäuser vor einigen Wochen im persönlichen Gespräch, warum jemandem aus angreifbaren politischen Gründen die Kunstausübung verweigert werden solle.

Wie hältst du’s mit dem Zaren und seinem aktuellen Krieg? Auf diese Frage verknappt sich seit den ersten Bomben auf die Ukraine die Diskussion über Künstlerinnen und Künstler – nicht nur in Salzburg. Und, ja: Es ist wahr, dass Currentzis und sein Ensemble MusicAeterna von russischen Unternehmen bis hin zu Gazprom mitfinanziert werden. Darunter ist eine Bank, die auf der europäischen Sanktionsliste steht. Es ist allerdings auch evident, dass der Dirigent – im Gegensatz zum Kollegen Valery Gergiev etwa – Putin nie aktiv unterstützt hat.

Seine Zurückhaltung könnte auch daher kommen, darauf weist mancher hin, dass es einen Freundes- und Familienkreis in Russland gebe. Und dass Currentzis seine Musikerinnen und Musiker schlicht schützen möchte. Unversehens finden sich die Festspiele also mitten in einem Diskurs wieder, der in seinen Extremausprägungen die Züge einer Gewissensprüfung bekommen hat.

Eine Konsequenz hat Salzburg vor wenigen Wochen gezogen. Man trennte sich vom Bergbauunternehmen Solway. Die Firma mit Sitz in der Schweiz hatte vor allem das Kinder- und Jugendprogramm der Festspiele gesponsert. Nicht mögliche Kreml-Kontakte spielten hier allerdings eine Rolle, sondern Umweltverschmutzung, Korruption und Menschenrechtsverletzungen in einer Nickelmine in Guatemala.

Dass Hinterhäuser als (kultur-)politischer Denker sein Festival nicht in einer Wohlfühl-Blase sieht, ist unstrittig. Losungen à la „Hier gilt’s der Kunst“, mit der sich seinerzeit das Nachkriegs-Bayreuth reinwaschen wollte, sind dem Intendanten fremd. Doch Forderungen zwischen Ausladung und Boykott gehen ihm zu weit. Auch die Tendenz, russische Künstlerinnen und Künstler unter Generalverdacht zu stellen. „Wir werden derzeit in eine Art Schmuddelecke gestellt“, sagte Hinterhäuser der österreichischen Zeitung „Standard“. Es werde so getan, „als ob sich Klassikfestivals ausschließlich von toxischem Geld sponsern lassen, dass die Klassikwelt ein Schattenreich Putins wäre. Das ist so lächerlich wie unwahr.“

Immerhin tun die Festspiele einiges fürs Image und setzen politische Zeichen. Beim Eröffnungsfestakt am 26. Juli spricht der deutsche Schriftsteller Ilija Trojanow, und dies zum Thema „Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens“. Der gebürtige Bulgare setzt sich seit einiger Zeit für den Gas- und Ölboykott Russlands ein. Das Musikprogramm des Festakts besteht unter anderem aus Mendelssohn Bartholdys Choralkantate „Verleih uns Frieden“ und „Stille Musik“ des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov. Die Festspiele hätten die Werke „sehr bewusst vor dem Hintergrund des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine“ gewählt, heißt es dazu in einer Mitteilung.

Auch Currentzis selbst dirigiert beziehungsreiche Stücke: gestern Abend Schostakowitschs Symphonie „Babi Jar“, die das Massaker an Juden im Jahr 1941 widerspiegelt, und am 26. Juli die Premiere von Orffs „De temporum fine comoedia“, ein Endzeit- und Mysterienspiel über den Zusammenbruch des Kosmos, das 1973 in Salzburg uraufgeführt wurde.

Überhaupt locken die Festspiele in diesem Jahr mit einem Programm, das sich locker gegen die ewige, parallel laufende Konkurrenzveranstaltung Bayreuth behaupten kann. Wuchert der Grüne Hügel mit einem neuen „Ring des Nibelungen“, so stemmt Salzburg drei neue Opernproduktionen, die von der Papierform her Außerordentliches versprechen. Noch immer sind allerdings die Corona-Langzeitfolgen spürbar. Zwar dürfen alle Häuser wieder vollbesetzt werden. Aber nur drei echte Opernpremieren – da hatte Salzburg früher mehr im Angebot. Auch finanziell muss das Festival also kürzertreten, was sich noch verstärken dürfte, falls man sich von weiteren Sponsoren trennt.

Ohnehin bleibt die Frage, inwieweit die Diskussion um Putin-Nähe und angeblich vergiftete Geldgaben abseits der üblichen Twitter-Blasen und mancher Podiumsrunden überhaupt wahrgenommen wird – oder registriert werden will. Seit Monaten gibt es zum Beispiel einen bundesweit tätigen Journalisten, der gegen Salzburg eine Art Feldzug führt und dabei auch Medienschelte betreibt. Gut möglich, dass solch rigide Haltung jedoch an der des Klassikpublikums komplett vorbeigeht – und die Festspiele einfach als Lichtblick in immer unsicherer werdenden Zeiten ersehnt werden.

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