Attacke 33 Jahre nach der Fatwa

von Redaktion

VON M. SCHIER, C. MEYER UND B. SCHWINGHAMMER

Es gibt ein verwackeltes Handyvideo, nur wenige Sekunden lang, das die Momente unmittelbar nach der Attacke einfängt. Ein großer Veranstaltungssaal, die Zuschauerreihen steigen recht steil an. Unten eine Bühne, auf einem Teppich stehen zwei Sessel und ein Tischchen. Unmittelbar daneben beugen sich Menschen besorgt über den am Boden liegenden Salman Rushdie. Andere eilen zur Hilfe. Ein Mann hat den Schriftsteller attackiert und offenbar mit einem Messer niedergestochen. Er wird überwältigt, im Internet kursieren Bilder der Festnahme. Der Mann, der Rushdie bei der Lesung interviewen soll, wird leicht am Kopf verletzt.

Damit ist eingetreten, was viele schon so lange befürchtet hatten. Es ist eine halbe Ewigkeit her, dass Rushdie 1988 sein Buch „Die satanischen Verse“ veröffentlichte. Es erzählt von einem Immigranten in Großbritannien und ist teilweise vom Leben des islamischen Propheten Mohammed inspiriert. Seitdem wurde Rushdie mit dem Tode bedroht, weil Irans geistliches Oberhaupt, Ayatollah Khomeini, alle Muslime 1989 in einer Fatwa – einer religiösen Anweisung – zur Tötung des Schriftstellers aufgerufen hatte. Grund war die angebliche Beleidigung des Propheten Mohammed in Rushdies Roman. Seitdem lebte Rushdie in ständiger Todesgefahr an wechselnden Orten. Bis heute ist ein Kopfgeld auf en Schriftsteller ausgesetzt.

Das islamische Rechtsgutachten des Ajatollahs rief damals nicht nur zur Tötung Rushdies auf, sondern auch all derer, die an der Verbreitung des Buches beteiligt waren. Ein japanischer Übersetzer wurde später tatsächlich ermordet. Rushdie musste untertauchen, erhielt Polizeischutz. Nach Angaben seines Verlags aus dem vergangenen Jahr hätte die Fatwa für Rushdie inzwischen aber längst keine Bedeutung mehr. Er sei nicht mehr eingeschränkt in seiner Bewegungsfreiheit und brauche auch keine Bodyguards mehr. Die Lage entspannte sich, nachdem die Regierung des Iran 1998 erklärte, seine Ermordung nicht zu unterstützen.

Die Jahre des Versteckens gingen jedoch nicht spurlos an ihm vorüber. Er verarbeitete diese Zeit in der nach seinem Aliasnamen benannten Autobiografie „Joseph Anton“ aus dem Jahr 2012.

Zuletzt trat Rushdie wieder oft in der Öffentlichkeit auf. Auch in München war er mehrfach zu Gast. Als er 2015 aber bei der Auftakt-Pressekonferenz der Frankfurter Buchmesse teilnahm, reagierte die iranische Regierung mit einer offiziellen Absage der Teilnahme. Rushdie sei wegen seiner „Islam-beleidigenden Bücher“ in der islamischen Welt verhasst, teilte das Kultusministerium in Teheran damals mit.

Erst im Juni feierte Rushdie seinen 75. Geburtstag. Geboren wurde er im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 in der Metropole Mumbai (damals Bombay). Er studierte später Geschichte am King’s College in Cambridge. Seinen Durchbruch als Autor hatte er mit dem Buch „Mitternachtskinder“ („Midnight’s Children“), das 1981 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet wurde. Er erzählt darin die Geschichte von der Loslösung Indiens vom Britischen Empire anhand der Lebensgeschichte von Protagonisten, die genau zur Stunde der Unabhängigkeit geboren werden und mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet sind. Insgesamt veröffentlichte Rushdie mehr als zwei Dutzend Romane, Sachbücher und andere Schriften. Rushdies Stil wird als Magischer Realismus bezeichnet, in dem sich realistische mit fantastischen Ereignissen verweben.

In Chautauqua wollte er am Freitag um 10.45 Uhr eine Lesung abhalten. Die „New York Times“ zitierte mehrere Augenzeugen, die sich überrascht äußerten, wie leicht der Angreifer angesichts Rushdies Vorgeschichte auf die Bühne gelangen konnte. „Er war schwarz gekleidet. Er hatte ein loses schwarzes Kleidungsstück an. Er rannte blitzschnell auf ihn zu“, berichtete eine Zeugin. Die Gouverneurin Kathy Hochul erklärte aber, das beherzte Eingreifen eines Polizisten habe dem Autoren das Leben gerettet. Rushdie werde im Krankenhaus versorgt. Über Details der Schwere der Verletzungen war bei Redaktionsschluss noch nichts bekannt.

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