Achterbahnfahrt der Liebe

von Redaktion

NEUERSCHEINUNG Claudia Otts klischeefreie Übertragung von „Tausendundeine Nacht“

VON SIMONE DATTENBERGER

Bei „Tausendundeine Nacht“ („Alf layla wa-layla“) blühen sofort unsere Fantasien von orientalischen Märchenwelten auf. Allerdings wabern eher Filmszenen durch unser Gedächtnis, als dass uns echte Lektüre-Erfahrung prägt. Und wenn, dann sind es Texte aus glatt gebügelten, vermeintlich leichter konsumierbaren Ausgaben. Die Arabistin und Übersetzerin Claudia Ott sowie der Münchner C. H. Beck Verlag bieten da schon anderes: Authentisches, das Klischees zu Nahem Osten und Islam wegbläst – und wahrscheinlich heutige frömmlerisch engherzige Moslems in Entsetzen und Wut versetzt, wenn sie sich dieser Kunsttradition stellen würden. Vor allem, weil Ott sich nicht vornehmlich dem Abenteuer gewidmet hat, sondern der Liebe – mit allem Drum und Dran.

„Tausendundeine Nacht. Das Buch der Liebe“ hat sie wie „Tausendundeine Nacht. Das glückliche Ende“ (2016) und „Der Anfang und das glückliche Ende“ (2018) aus den ältesten arabischen Manuskripten erstmals übertragen, ohne vor Grobheiten, ziselierter Lyrik, sachdienlichen Vagina-Informationen und massenhaftem Köpfen zurückzuschrecken. So sehr die berühmte Geschichtensammlung, deren Ursprung im Indisch-Persischen liegt und mit arabischen Texten erweitert wurde, verrückte Zufälle fern jeglicher Realität liebt, so lebensnah und vom Leben durchpulst ist sie in der Grundstruktur. Darin steht sie geschwisterlich dem europäischen Mittelalter zur Seite, dessen Belletristik ebenfalls (ab dem 19. Jahrhundert) auf asexuell und blutleer getrimmt wurde. Wenn wir uns indes den „echten“ Erzählungen, Gedichten und Epen anvertrauen, erleben wir ein prickelndes blaues Wunder. Bei der Expedition ins „Buch der Liebe“ empfiehlt es sich zunächst das kenntnisreiche Nachwort von Claudia Ott zu lesen. Es bietet in Kürze das richtige Rüstzeug: etwa über Schreibungen, Reimschemata, Überlieferungen, Handschriften, auch darüber, dass ungefähr 250 Storys zusammengetragen werden müssen, um sie in 1001 Nächte aufteilen zu können. Denn es braucht die sogenannten Cliffhanger, also Unterbrechungen mittendrin.

Mit ihnen zwingt Erzählerin Schahrasad (der Name wird ebenfalls erklärt) Sultan Schahriyar, sie am Leben zu lassen. Der Massenmörder heiratet jede Nacht und bringt seine Frau am Morgen um. Diesem Schicksal versucht die höchst belesene und intelligente Schahrasad durch ihre Kettenerzählungen zu entgehen: „,Wie köstlich und wie aufregend ist deine Geschichte‘, sagte Dinarasad zu ihrer Schwester. ,Was ist das schon‘, erwiderte sie, ,gegen das, was ich euch morgen Nacht erzählen werde, wenn ich bis dahin noch am Leben bin und mich der König verschont. Das wird noch viel aufregender sein …‘“

Im „Buch der Liebe“ bietet die Übersetzerin die größten Liebesgeschichten aus „Tausendundeine Nacht“: „Kamarassaman und Budur“, „Alischar und Sumurrud“, Ibrahim und Dschamila“ sowie Sul und Schumul“ – wobei „Kamarassaman und Budur“ Romanlänge hat. Das aber nur, weil Ott sechs Handschriften durchforstet hat, sogar ältere als die 1450 entstandene sogenannte Galland-Handschrift.

In bekannten Ausgaben bricht die Erzählung vom überirdisch schönen Königssohn Kamarassaman und der mindestens so holden Königstochter Budur, die beide partout nicht heiraten wollen, früh ab. Ott lädt uns nun jedoch zu einer langen, wilden Achterbahnfahrt ein: mit Entwicklung von der pubertären, sadistischen Nervensäge bis zum weisen Herrscher; von sexy Frauen, die schon mal den „Mann“ geben oder gar die Söhne morden wollen, weil sie ihrer Lust im Weg sind; von Sklaverei, Hilfe, Folter, Güte, Rassenhass, einfacher Arbeit und Verachtung für Andersgläubige, von Versöhnen, von Schenken, Feiern, Saufen und gern von der Ehe mit zwei Damen.

Tatsächlich funktioniert er auch heute noch, Schahrasads Trick. Man will – schnell, schnell – immer noch eine weitere Nachtgeschichte lesen. Raffinierter ist freilich ihre unterschwellige Strategie: die Erziehung und Verwandlung ihres lebensgefährlichen Gemahls. Die Tugenden des Gönnens, Vergebens und die Kunst der gerechten und milden Herrschaft fließen stetig und konsequent in Schahrasads Erzählen ein.

Claudia Ott

(erstmals ins Deutsche übertragen aus den ältesten arabischen Manuskripten): „Tausendundeine Nacht. Das Buch der Liebe“. C. H. Beck, München, 543 Seiten; 32 Euro.

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