Ein Denkmal für den Pharao

von Redaktion

Die Münchner Opera Incognita zeigt „Akhnaten“ von Philip Glass

VON TOBIAS HELL

Der Status als heimatloses Ensemble hat für die Opera Incognita seit jeher Vor- und Nachteile. Einerseits muss jeder neue Raum erst einmal erobert werden. Andererseits bietet das Nomadendasein aber auch die Gelegenheit, den Genius loci für das jeweilige Stück zu nutzen. Für die diesjährige Sommerproduktion hat die Truppe um Regisseur Andreas Wiedermann und den musikalischen Leiter Ernst Bartmann seine Zelte bereits zum zweiten Mal im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst aufgeschlagen. Zwischen den historischen Artefakten wird hier aktuell noch für die Premiere von „Akhnaten“ geprobt, Philip Glass’ Oper über jenen Pharao, der in der deutschen Literatur auch unter dem Namen Echnaton bekannt ist.

Nach der „Aida“, mit der die Opera Incognita hier im Jahr 2019 ihren Einstand feierte, geht damit nun ein lang gehegter Traum der ehemaligen Museumsdirektorin Sylvia Schoske in Erfüllung, mit der man bereits vor fünf Jahren an dem Projekt arbeitete. „Eigentlich hätte zuerst ‚Akhnaten‘ stattfinden sollen“, verrät Andreas Wiedermann: „Aber da wir damals noch nicht genau wussten, wie der Raum akustisch funktioniert und wie es vom Publikum angenommen werden würde, haben wir uns mit der ‚Aida‘ erst einmal auf eine sichere Bank geeinigt.“

Die damals gesammelten Erfahrungen flossen nun auch in die Konzeption der neuen Produktion mit ein, die erneut mit großen Tableaus im Cinemascope-Format arbeitet. Auch wenn der Regisseur diesmal nach einer anderen Bewegungssprache suchte, bei der die strengen, reliefartigen Bilder der Verdi-Oper aufgebrochen werden und das Geschehen sich mehr in den Raum hinein verlagert. „Kammerspielmomente wird es bei uns kaum geben. Alles ist groß, öffentlich, staatstragend. Allein schon, weil man bei der speziellen räumlichen Situation auch an das Publikum auf den äußeren Plätzen denken muss. Aber die Oper besteht eh fast ausschließlich aus Ritualen, wie zum Beispiel der Bestattung des verstorbenen Pharaos oder Krönung seines Nachfolgers“, sagt Wiedermann.

„Akhnaten“ ist nach „Einstein on the Beach“ und der Ghandi-Oper „Satyagraha“ die dritte der sogenannten Porträt-Opern des Komponisten, mit denen er drei positiv verklärten Ikonen ein musikalisches Denkmal setzte. Die Besetzung Echnatons mit einem Countertenor wirkt dabei für Andreas Wiedermann durchaus zeitgemäß und hat ihre Wurzeln in den androgynen Abbildungen des Pharaos und seiner Königin Nofretete. „In den Darstellungen wirken sie völlig gleichgeschaltet, und anscheinend haben sie auch relativ gleichberechtigt regiert. Wenn man sich das anschaut, hätte man nie einen Tenor oder Bariton im Ohr.“

Wobei sich das Bild Echnatons, der in Ägypten eine monotheistische Religion zu etablieren versuchte, dank neuer Forschungen seit der Uraufführung 1984 doch erheblich gewandelt hat. „Der junge Revolutionär ist natürlich eine dankbare Projektionsfläche. Wobei wir das deutlich gefährlicher zeigen, als Glass sich das wahrscheinlich beim Komponieren gedacht hat. Echnaton war das Sprachrohr seines Gottes und der Einzige, der mit ihm kommunizierte, während das Volk zuhören durfte. Der Aton-Kult war also letztlich vor allem eine Entmachtung der Priesterkaste. Da ging es eher um Wirtschaft und Rohstoffkämpfe. Im Grunde genommen hat sich seit damals also nicht viel geändert.“

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