König von Sagaland

von Redaktion

NEUERSCHEINUNG Heute wird Werner Herzog 80 und legt seine Biografie vor

VON ZORAN GOJIC

Mehr als 50 Jahre geistert Werner Herzog als singuläres Phänomen durch die Filmwelt, und niemandem ist es bislang gelungen, dieses mystische Wesen zu verstehen. Wer nun glaubt, dass Herzog selbst das in seiner Autobiografie, die rechtzeitig zu seinem heutigen 80. Geburtstag erscheint, erledigt, wird enttäuscht. Herzog gibt einiges über sich, seine Familie, sein Privatleben und seine Arbeit preis – aber Offenbarung ist nicht sein Geschäft. Der Schöpfer epochaler Spielfilme und sensationeller Dokumentationen will sich selbst nicht erklären oder gar verstehen. Wenn man ein Haus bis in die letzten Winkel grell ausleuchte, wird das Haus unbewohnbar, erklärt Herzog und ist davon überzeugt, dass die Psychoanalyse eine furchtbare Sache sei, wie so viele andere Dinge aus seiner Zeit. Herzog fasst das gewohnt wuchtig und irritierend zusammen: „Ich halte das 20. Jahrhundert in seiner Gesamtheit für einen Fehler.“

Natürlich schwingt da Familiengeschichte mit. Herzog, Spross eines Intellektuellenhaushalts, erlebt an seinen Eltern das Elend von Ideologien mit. Sein Vater, ein arbeitsscheuer Blender, wie Herzog mit wenig Empathie feststellt, ist überzeugter Nationalsozialist, ebenso wie seine kroatische Mutter, deren Familie dem radikalen Nationalismus anhängt. Mit beidem kann und will Herzog nichts zu tun haben – seine Mutter immerhin erkennt früh, dass sie falsch liegt. Als Werner Herzog zur Welt kommt, steht die Entscheidung des Zweiten Weltkriegs in Stalingrad bevor und Herzog erkennt darin einen Bruch, an dem seine Heimat bis heute laboriert: Die Generation seiner Eltern habe die Kontinuität der europäischen Kultur verlassen und ging daran unter.

Seine Kindheit als Flüchtling im bayerischen Sachrang ist trotz aller Entbehrung idyllisch, jedenfalls in der Erinnerung. „Kulturell“ versteht sich der Weltenbummler, der seit Jahrzehnten in Los Angeles residiert, nach wie vor als Bayer. Mitunter scheint es, die Versuche, sich mit seinen Projekten an Grenzerfahrungen zu bringen, seien ein Nachhall der einfachsten Verhältnisse, unter denen er aufgewachsen ist. Ein Ofen in der Küche, das Klo draußen, oft von Hunger geplagt und meist barfuß sowie im Sommer ohne Unterwäsche. Glücklich ist er dennoch, weil er frei ist und er und seine Freunde ohne Väter aufwachsen.

Herzog, der präziseste Kino-Biograf männlichen Größenwahns, mag keine Machos und hält es lieber mit den Frauen. Er würdigt und preist alle seine ehemaligen Weggefährtinnen aufs Innigste, und zwischen den Zeilen schwingt mit, dass das Scheitern von Beziehungen durchaus eher an ihm gelegen haben könnte. Überhaupt ist Herzog, der keineswegs mit dem Wissen um seine Bedeutung zurückhält, einer, der ausgiebig und mit aufrichtiger Hingabe viele Freunde und Verwandte bewundert. Er selbst, so schreibt er, sei kein fein ziselierender Intellektueller, sondern eher einer, der intuitiv große Linien erkennt und Thematiken direkt an die Gurgel geht. Das ist nicht bescheiden, aber bei Kenntnis seines mittlerweile gewaltigen Opus durchaus gut beschrieben. Herzogs großes Talent, Fiktion, Fakten und Fantasterei ohne erkennbare Grenzen ineinanderfließen zu lassen, macht ihn zu einem Solitär. Ob seine Spielfilme dokumentarisch sind oder seine Dokumentationen inszeniert, ist letztlich egal. Er spürt die „ekstatische Wahrheit“ auf, das ist sein Ziel.

Dabei sieht er sich in der Tradition von Giganten wie André Gide, der einmal schrieb: „Ich verändere Fakten auf solche Weise, dass sie der Wahrheit mehr ähneln als der Realität.“ Es ist tatsächlich Herzogs großes Talent, zum Kern vorzustoßen, egal, ob der mythisch oder real ist – letztlich gibt es da keinen großen Unterschied, findet er. Dass ihn Hollywood im fortgeschrittenen Alter noch als Darsteller entdeckt hat, schmeichelt Herzog natürlich, auch wenn er weiterhin wacker behauptet, kaum Filme zu sehen. Weshalb er überhaupt Regisseur geworden ist, obwohl ihn Filme doch von Kindheit an kaum beeindruckten, das bleibt unerklärt. Vielleicht, so lenkt Herzog leicht erkennbar auf eine falsche Fährte, weil er nicht träume.

Er beherrscht sowohl in seinen Filmen als auch in seiner Autobiografie eine atemberaubende Gabe für Dramatik. Jeder Sportunfall und jede Krankheit wird als episches Ringen mit dem Schicksal beschrieben. Wenn man seine Dokumentationen kennt, hat man beim Lesen sofort sein vibrierendes Tremolo im Ohr. Sein zugegebenermaßen bemerkenswertes Leben gerät zur Saga, in der selbst nebensächliche Dinge wie Ferienjobs zu gewaltigen Abenteuern ausarten. Ob das alles wahr ist, das weiß niemand: Es klingt gut und passt in die Legende, darum geht es. Wenn man Herzog einmal eine gewisse Zeit lang aus der Nähe erlebt hat, weiß man: Er ist sich sehr bewusst, wie man Wirkung erzeugt. Als ihn ein Journalist beim Filmfest fragte, welches seine Lieblingsbar in München sei, antwortete er knochentrocken: Die Alte Pinakothek, vor der „Alexanderschlacht“. Herzogs Art von Humor.

Nun wird dieser Irre, der wegweisende Filme gedreht hat, von denen fast jeder eine nochmalige Ansicht verdient hat, 80 Jahre alt – und stellt fest: Er ist fremd geworden. „Menschen, die Bäume umarmen, sind mir zutiefst verdächtig. Yoga-Kurse für Fünfjährige sind mir verdächtig.“ Herzog weiß, dass die Menschheit verschwinden wird und dass man nicht mehr versuchen kann, als es zu versuchen. Er hatte dabei mehr Erfolg als die meisten anderen. Ein Mann, der angeschossen ein Interview weiterführt, ein Mann, der sich in der Arktis aussetzen lässt, ein Mann, der ein Schiff über einen Berg schleifen lässt, der verdient Hochachtung. Das mit dem Schiff in „Fitzcarraldo“ (1982) sei eine hervorragende Metapher, schreibt Herzog, er wisse nur leider nicht genau, wofür. Völlig schlüssig deshalb, dass der Text mitten im Satz endet. Irgendwann ist eben alles vorbei.

Werner Herzog:

„Jeder für sich und Gott gegen alle“. Hanser, München, 352 Seiten; 28 Euro.

Lesung: Werner Herzog stellt sein Buch am 30. Oktober in den Münchner Kammerspielen vor; Karten unter 089 / 23 39 66 00.

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