Die sechsminütigen Standing Ovations trieben sogar einer Hauptdarstellerin, die nicht für Gefühlsausbrüche bekannt ist, die Tränen in die Augen. Für Kritiker stand bereits nach der Premiere von „Tár“ beim Filmfestival in Venedig fest, dass Cate Blanchett (53) für ihre Glanzleistung die achte Oscar-Nominierung in der Tasche hat. Kein Wunder, denn Regisseur und Drehbuchautor Todd Fields hat der australischen Oscargewinnerin die Rolle der fiktiven Star-Dirigentin Lydia Tár auf den Leib geschrieben. Sie ist die erste Frau, die ein deutsches Orchester übernimmt, hat eine lesbische Beziehung und wird angefeindet. Deutscher Kinostart ist im Februar 2023.
Was hat Sie an Lydia am meisten gereizt?
Lydia ist jemand, der voller Gegensätze ist – aber auch jemand, der sich von seinem wahren Ich entfremdet hat. Mich hat ihre Komplexität gereizt, weil ich finde, dass sie das unglaublich menschlich macht. Lydia fühlt sich von jemandem oder von etwas verfolgt. Es sind ihre Vergangenheit, ihr früheres Ich und Dinge, die sie getan hat. Ich will nicht zu viel verraten, aber ich fand es faszinierend, wie sie sich neu erfindet.
Sie spielen eine Dirigentin auf dem Zenit ihrer Karriere…
…die von ihrem Platz auf dem Olymp wieder auf die Erde zurückgeholt wird. Wenn man ganz weit oben ist, wird man von der ständigen Befürchtung heimgesucht, dass es nur noch einen Weg gibt – den nach unten. Und für mich bedarf es einer riesigen Portion Mut, sich dem zu stellen.
Lydia wird im Film von einem Vertrauten verraten. Ist Ihnen das auch schon passiert?
Wenn man wie ich eng mit Menschen zusammenarbeitet, ist das eine sehr intime Sache. Natürlich wurde ich schon enttäuscht, weil man mein Vertrauen missbraucht hat. Am Ende ist es übrigens egal, in welcher Branche du tätig bist – Diskretion geht über alles!
Im Film sind Sie mit einer deutschen Filmkomponistin verheiratet, die von Nina Hoss gespielt wird. Die wurde in der Presse einst als die deutsche Cate Blanchett bezeichnet…
…wenn ich Glück habe, bin ich eher die australische Nina Hoss!
Kannten Sie sich vorher schon?
Ich stalke Nina seit zehn Jahren. Es ist fast schon ungesund, aber es ist die Wahrheit.
Hatten Sie sich vor dem Film persönlich kennengelernt?
Wir haben uns schon mal auf der Bühne gesehen. Wissen Sie, dass wir auch dieselbe Theaterrolle hatten? Wir waren beide Lotte im Stück „Groß und Klein“. In verschiedenen Städten und verschiedenen Ensembles.
Sie spielen eine lesbische Frau in Zeiten, in denen die Rechte der LGBTQ-Gemeinde immer noch beschnitten werden. War es Ihnen auch deshalb wichtig, die Rolle zu übernehmen?
Auf der einen Seite hat sich die Rolle sehr wichtig angefühlt. Und der Film als ein solcher, der dringend gezeigt werden muss. Allerdings habe ich aber überhaupt nicht an Lydias Geschlecht oder ihre Sexualität gedacht, als ich entschieden habe, sie zu spielen. Ich habe sie allein als Mensch gesehen…
…und nicht als starke Frau, die diesen Film trägt?
Sie werden lachen! So aufregend ich das jetzt auch finde, das ist mir ehrlicherweise erst auf der Pressetour so richtig aufgefallen. Als ein Journalist seine Frage mit „Sie haben eine Frau im Mittelpunkt der ganzen Handlung…“ begann. Das hat mich total überrascht, und ich meinte „Oh Shit, das stimmt ja wirklich!“
Im Film geht es auch um ungerecht verteilte Macht. Gab es Momente am Anfang Ihrer Karriere, in denen Sie sich machtlos gefühlt haben?
Die Dinge haben sich schon sehr viel geändert. Also verglichen mit dem Beginn der Zeitrechnung, als ich in die Filmindustrie eingetreten bin. Ich war Theaterschauspielerin und habe mir niemals eine Karriere im Film ausgerechnet. Mein unglaublich unterstützender Ehemann hat zu mir damals gesagt: „Genieß es einfach, Baby. Du hast fünf Jahre, wenn du Glück hast!“ Und das war damals für Frauen die Wahrheit.
Und heute ist das anders geworden?
Dank vieler verschiedener Menschen in der Industrie haben sich die Dinge verbessert. Nicht zuletzt dank Schauspielerinnen, die die Türen für andere geöffnet und die Grenzen erweitert haben. Die eine kleine Rolle genutzt haben, um diese groß und wichtig zu machen. Doch leider gibt es noch immer Unterschiede, wie Schauspieler und Schauspie-lerinnen gesehen werden. Das beginnt bereits beim Vokabular.
Haben Sie ein Beispiel?
Eine Frau in einer Hauptrolle wird oft als „starke Frau“ bezeichnet. Allein, weil sie einen großen Einfluss auf die Handlung hat. Bei Männern wird das einfach vorausgesetzt. Und es ist nach wie vor sehr schwer, unsere – ich setzte das mal in Anführungsstriche – „Brüder in Hollywood“ dazu zu bringen, eine Nebenrolle neben einer weiblichen Hauptrolle zu besetzen. Wir Schauspielerinnen machen das sofort, wenn es ein gutes Drehbuch mit einem guten Regisseur oder Regisseurin gibt!
Sie sagten, dass sich Lydia neu erfinden musste. Sie wirken wie eine Frau, die genau weiß, wer sie ist und die sich nicht verbiegen lassen würde.
Ich denke, dass ich noch dabei bin, die zu werden, als die ich erscheine. Für mich ist Identität nicht statisch, sondern ein fortlaufender Prozess. Wir entwickeln uns ständig weiter. Und das ist doch das Wundervolle an Menschen, dass wir uns als Individuum und als Gemeinschaft verändern können. Das gibt mir auch Hoffnung für die Zukunft unseres Planeten!
Das Gespräch führte Patricia Danaher.