Explosion der Fantasie

von Redaktion

Die Staatliche Graphische Sammlung überrascht mit Schweizer Scheibenrissen

VON SIMONE DATTENBERGER

Entfesselte Schweizer – das glaubt einem kein Mensch. Dass es sie gibt, beweist jetzt die Staatliche Graphische Sammlung München in ihren Ausstellungsräumen in der Pinakothek der Moderne. „Schweizer Scheibenrisse von der Renaissance bis zum Frühbarock – der Münchner Bestand“ lautet der sachliche Titel der Schau, der einen neugierig macht: Was sind Scheibenrisse? Und nicht ahnen lässt, welch Überraschungen auf einen warten.

Achim Riether, der in der Graphischen Sammlung Deutsche Kunst vom 15. bis zum 18. Jahrhundert betreut, hat das herausragende hauseigene Konvolut von 300 Blättern erforscht und für eine Entdeckungsreise in die Schweizer Seele aufbereitet. Die Scheibenrisse sind für Glasmaler so etwas wie Grund- und Aufriss für die Maurer, also eine Vorgabe. Allerdings sind die Zeichnungen im heutigen Sinne Kunst; damals wurden sie als Handwerk gesehen, das einem anderen Handwerk unter die Arme greift, damit sich wiederum andere Handwerker schmücken können.

Ein Müller XY wollte also (die einst teuren) Glasscheiben kaufen und bat im Bekanntenkreis um „Spenden“. Natürlich wurden die Schenkenden geehrt: eben durch bemalte Fensterelemente. Beide Seiten hatten durch solch eine „Werbung“ Vorteile. Bis zur Aufklärung war diese „Schweizer Volkssitte“ höchst populär, wie Riether erzählt. Erst dann wurden die meisten Scheiben zerstört. Zu den 300 Münchner Blättern finden sich nur noch sechs gläserne Pendants in der Schweiz.

Da das Scheiben-Schenken rund 200 Jahre lang florierte und infolgedessen einen einträglichen Geschäftszweig ermöglichte, hoben die Werkstätten die Vorlagen auf. Man konnte sie ja variiert und kombiniert wiederverwenden. Dieses Nützlichkeits- mündete schließlich im Kunstsammeln, etwa auch der Wittelsbacher. Der Münchner Bestand wird heutzutage immer mehr wert, weil der internationale Kunstmarkt längst nach den Blättern giert. Das versteht man, wenn man in der Ausstellung unweigerlich von den Werken gefangen genommen wird.

Die Mischung aus Entfesselung im Ornament und architektonischer Ordnung, von ehrwürdigen Darstellungen aus dem Testament, teils komischen Wappen und „Cartoons“ vom Alltagsleben ist hinreißend; egal, ob unsereins nun einen Christoph Murer, Tobias Stimmer, Ludwig Ringler, Jost Amman oder Daniel Lindtmayer kennt. Manche wurden Stars, die sich vor Aufträgen nicht retten konnten, manche waren Zeichner und Glasmaler, wieder andere waren von der Druckgrafik geprägt oder wechselten zu ihr.

Immer galt aber ein Bildprinzip: Ein pompöser Portalbau rahmte die zentrale Darstellung; drumherum explodierte die Fantasie im Zierrat; unten mittig saß das frisch erfundene Wappen (jeder durfte eines haben). Und im sogenannten Oberlicht wurde von der Tätigkeit des Besitzers erzählt, sei’s ein Müller, sei’s ein Glasmaler oder ein Bader/Wundarzt.

Die Scheibenrisse erkennt man am Längsknick – wichtig für die glasmalerische Umsetzung. Meist sind Leerstellen bei den Vorlagen zu sehen. Das ist kein ästhetisches Sperenzchen, sondern Arbeitsersparnis. Das freie Feld war genauso auszuschmücken wie das gegenüberliegende. So werden Praktisches und Kunst, Ernst und Witz, Freiheit und Regel, individueller Stolz und gesellschaftliche Solidarität durch eine gläserne, lichte Einheit repräsentiert. Schweizer Seele eben.

Bis 8. Januar 2023,

Di.-So. 10-18 Uhr, Telefon 089/23 80 53 60.

Die Zeichnungen sind Vorlagen für Glasmaler

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