Das Country-Genre ist ja generell geeignet für jede Art von musikalischer Beichte. Und zu beichten hat Kiefer Sutherland anscheinend eine Menge. Der 55-jährige Kanadier hielt sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur seiner beachtlichen Leistungen wegen als Schauspieler in Kino („Flatliners“), TV („24“) und Stream („Designated Survivor“) in den Schlagzeilen, sondern auch dank seines exzessiven, alkoholdurchtränkten Lebenswandels.
Man wollte den Hollywood- Star schon als abgestürzten „Sohn von“ abschreiben, als der sich mithilfe der Musik sowohl vom Über-Vater Donald als auch von seinen ungesunden Angewohnheiten befreite. Jetzt sitzt ein spürbar geläuterter, mittelalter Mann samt fünfköpfiger Band während seiner „Chasing The Rain“-Tour im Münchner Backstage, macht es sich und den Fans gemütlich. Und serviert erst einmal klassische Countrymusik im Stile von Johnny Cash oder Bruce Springsteen. Anfangs noch verhaltenere Nummern wie „Can’t stay away“ oder „Bloor Street“, Titelsong des aktuellen Albums, mit dem Sutherland seine Heimat Toronto besingt. Im Laufe des Abends zieht das Tempo deutlich an bis zum rockigen Finale.
Dabei verzichtet man auf Schnickschnack oder Showeffekte. Dass gelegentlich die Farbe der Scheinwerfer wechselt vom anfänglichen Rot-Gelb über ein klares Blau, bis alles in Pink getaucht ist, erscheint schon fast als anbiedernd modisch. Bodenständigen Rock liefert Sutherland ab. Rau, authentisch, ehrlich und schnörkellos. Immer mit Herz und Verve. Jede Anmoderation ist gespickt mit Anekdoten über seine Jugend, Familie, Frauen oder Barbesuche. Nach dem Auftritt ist klar, dass Sutherlands musikalische Ambitionen nicht einem Selbstverwirklichungsdrang entsprungen sind. Der Mann mit der heiseren Stimme und der Akustikgitarre kann wirklich was.