Als Thomas Hermanns 1992 seinen Quatsch Comedy Club in der Kantine des Hamburger Schauspielhauses eröffnete, herrschte beim Publikum vor allem eines: „Ratlosigkeit!“, erinnert sich der 59-Jährige. Er präsentierte ein damals unbekanntes Showkonzept – die Stand-up-Comedy. 30 Jahre ist das jetzt schon her. Wir sprachen mit dem Entertainer über die Anfänge, die Kraft des Humors und persönliche Höhepunkte.
Erinnern Sie sich noch, wie alles begann?
Das war eine Schnapsidee! Ich habe mit Anfang zwanzig während meiner Zeit in New York immer gedacht: Warum gibt es in Deutschland eigentlich keine Stand-up-Comedy? Zu diesem Zeitpunkt lachte man hierzulande entweder über Kabarett oder Kleinkunst. Pro Abend gab es nur den einen Künstler und dessen Humor. Die US-Shows boten Abwechslung: Man hatte einen Gastgeber, der unterschiedlichen Comedians für je 15 Minuten die Bühne überließ. Und diese Humoristen erzählten zudem aus der Perspektive eines Betroffenen, nicht aus der Draufsicht. Das erzeugte etwas Verbindendes – man erkannte sich wieder und konnte gemeinsam über scheinbare Schwächen lachen.
Wie kam damals der Gedanke des Clubs an?
Für die erste Show im Januar 1992 musste ich fünf Leute regelrecht überreden: Wigald Boning war dabei – damals ein bunter Hund, der absurde Gedichte vortrug. Mein erstes Opening war dann eine Vollkatastrophe! Zehn Minuten habe ich in ratlose Gesichter geschaut! Aber das Publikum hat schnell den Reiz dieser gemischten Platte Humor entdeckt – die Leute kamen wieder! Im Februar stand dann schon Olli Dittrich als Dittsche auf der Bühne.
Hat sich der Witz der Deutschen im Laufe der letzten 30 Jahre verändert?
Das ist hochinteressant: Es gibt Wellen! Man kann sie weder vorhersehen noch planen. Zum Beispiel gab es die Themenwelle Mann-Frau, wo sich die Geschlechter gegenseitig erklärt haben. Dieter Nuhr begann damit, Mario Barth hat es fortgeführt. Ich dachte, das läuft ein Jahr, doch noch heute kann man mit einer guten Nummer punkten. Es gibt auch surrealistische Wellen mit Vertretern wie Wigald Boning, später Johann König oder Olaf Schubert. Da fragte man sich anfangs, von welchem Planeten die wohl kommen. Bei der Poetry-Slam-Welle wurde es formaler. Und natürlich ist da das riesige Thema Migrationshintergrund. Ein wichtiger Moment war auch als der jüdische Humor aus London zu uns kam.
Das war Ian Stone.
Ein legendärer Auftritt, ein Meilenstein der Aussöhnung! Er hat Witze übers „Dritte Reich“ gemacht. Und da passierte plötzlich was im Raum. Über das Lachen haben sich Juden und Deutsche umarmt und ein Stück zusammengefunden. Dieses „Aufeinander- zubewegen“ lässt sich auch bei anderen Themen beobachten: Es gibt inzwischen Queerperformer, lesbische Kolleginnen, und alle möglichen Hautfarben sind vertreten. Es ist der Blick der Außenseiter auf den Mainstream, der diesem aber wiederum zeigt: So unterschiedlich sind wir alle gar nicht. Das kann Stand-up erreichen.
Kennt Comedy dabei Tabus?
Nein! Man kann und soll über alles Comedy machen. Es gibt nur ein Gesetz: Wenn ich ein höheres Tabu ansteuere, muss der Gag sitzen.
Nehmen wir einen AfD-Witz in der sächsischen Provinz…
Klar, das geht. Mir wäre hier wichtig, dass dieser Witz nicht nur die Botschaft hat „Die sind doof“, sondern dass man tiefer reingeht. Man könnte etwa von einem Weihnachtsessen mit Oma und Opa erzählen – beide stramme AfD-Wähler. Was passiert da am Tisch? Gibt es jenseits des moralischen Urteils komische zwischenmenschliche Prozesse? Wenn man übereinander lachen kann, nimmt man sich gegenseitig als Menschen wahr und nicht nur als Vertreter irgendeiner Gesinnung.
Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?
Darauf, dass die Deutschen gelernt haben, über sich selbst zu lachen. Und dass Stand-up-Comedian inzwischen sogar bei der Sachbearbeiterin der Arbeitsagentur als seriöse Berufsbezeichnung anerkannt ist.
Seit 2020 gibt es einen Club im Münchner Werksviertel. Wie wird dort das Jubiläum gefeiert?
Wir investieren mit Schwung, Kraft, aber auch einigem Geld in den Standort, nachdem Corona uns nach einem gelungenen Start sofort ausgebremst hat – das erinnerte an einen Coitus interruptus. Aber jetzt läuft der Club ja wieder und wir konzentrieren uns derzeit darauf, jede Woche ein neues Programm mit Comedians aus ganz Deutschland auf die Bühne zu stellen.
Wann haben Sie eigentlich zuletzt schallend gelacht?
Ich durfte mir einen Traum erfüllen und beim „Glücksrad“ von RTL2 mitmachen! Da bin ich vor Lachen fast zusammengebrochen. Ich habe vor der Wand Modelwalks zwischen Naomi Campbell bis Cindy aus Marzahn absolviert – da war zu komisch. Dass ich auf meine alten Tage noch mal Buchstabenfee sein würde… Das ist doch was für den Lebenslauf!
Das Gespräch führte
Katrin Basaran.
Karten und Informationen
zum Programm des Münchner Quatsch Comedy Clubs unter www.quatsch-comedy-club.de.