Durch die Bayreuther Brille gesehen

von Redaktion

Streit um „Parsifal“: Neuproduktion gibt es 2023 nur in einer abgespeckten Form

VON MARKUS THIEL

Die gute Nachricht ist: Es gibt 2023 einen neuen Bayreuther „Parsifal“. Wenn auch in abgespeckter Form beziehungsweise als Kompromiss. Die meisten im Festspielhaus werden allerdings gar nicht erleben können, was diese Version des Grals-Dramas so einzigartig und Aufsehen erregend macht. Dafür braucht es eine sogenannte Augmented-Reality-Brille (AR). Doch von den 1937 Besucherinnen und Besuchern kommen nur 330 in den Genuss der künstlichen Computer-Welten, das hat Ulrich Jagels, Geschäftsführer des Festivals, bestätigt.

Hintergrund ist ein Streit um die dafür erforderlichen finanziellen Mittel und damit letztlich auch um ein künstlerisches Selbstverständnis. Unsere Zeitung hatte bereits im September darüber berichtet, dass sich hier eine Kluft zwischen Festspielleiterin Katharina Wagner und der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth um ihren Vorsitzenden Georg von Waldenfels aufgetan hat. Die privaten Mitfinanziers des Festivals favorisieren gediegene bis konservative Inszenierungen und können mit der Verpflichtung von „Parsifal“-Regisseur Jay Scheib wenig anfangen.

Der US-Amerikaner möchte mithilfe der AR-Brillen das Bühnengeschehen um Welten, die am Computer erzeugt werden, erweitern. Der „Parsifal“, so sagte Scheib vor einigen Monaten, eigne sich besonders für dieses Konzept. „Es geht um ein mysteriöses Land des Zaubers, um Religion, um die Durchdringung verschiedener Universen, um die Veränderung unserer Welt.“ Der Aufbruch in eine neue Inszenierungs-Ästhetik hat allerdings seinen Preis. Und den muss das Publikum mittragen. Abgesehen davon wird nicht für alle Sitze die AR-Technik angeboten. „Damit die Brillen optimal genutzt werden können, sind die Plätze hierfür in den hinteren Reihen des Parketts sowie den jeweils ersten Reihen der Logen, des Balkons und der Galerie vorgesehen“, teilt Geschäftsführer Jagels mit. „Damit sind Plätze mit AR-Brillen in unterschiedlichen Platz- und Preiskategorien verfügbar.“ Wer eine Brille möchte, zahle einen „prozentualen Preisaufschlag“. Wie aus dem Umfeld der Festspiele zu hören ist, soll der bei maximal 80 Euro liegen. Zu den Anschaffungskosten der Brillen machte Jagels keine Angaben.

Mit der in Bayreuth nie genutzten Technik folgt Katharina Wagner im Grunde dem Credo ihres Urgroßvaters Richard: „Kinder, schafft Neues.“ Mittlerweile gab es am Grünen Hügel schon erste Vorführungen von Jay Scheibs virtuellen „Parsifal“-Welten. Dass nur 330 Brillen in den Aufführungen zum Einsatz kommen, dürfte eine herbe Enttäuschung für den Regisseur und für Katharina Wagner sein.

Das Ringen um die künstliche Realität offenbart, wie es um Bayreuth bestellt ist. Festspielleitung und Förderer pflegen nur noch eine einigermaßen geordnete Arbeitsbeziehung. Die gemeinsame Basis wird immer schmaler. Viel zu unterschiedlich sind die Vorstellungen, wie die Zukunft des Festivals aussehen soll. Schuld an der Misere ist auch die komplexe bis verkrustete Organisationsstruktur. Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren zum Beispiel beklagt, dass Finanzpläne viel zu spät aufgestellt werden können. Dieses Problem verschärft sich noch durch die aktuelle Krisensituation. Nicht nur den Festspielen, sondern auch vielen anderen Kulturbetrieben ist unklar, ob alle geplanten Projekte in den kommenden Jahren überhaupt verwirklicht werden können. Im Bayreuther Fall drohen die Premieren nach dem „Parsifal“-Jahr ins Wackeln zu geraten.

Der kommende Sommer scheint erst einmal gesichert. Trotzdem ist noch einiges offen: Wer kommt bei zu hoher Nachfrage in den Genuss einer AR-Brille? Wird gelost? Oder muss man einfach schnell sein? Vielleicht aber ist der klassische Bayreuth-Fan auch zu skeptisch, was die neue Technologie betrifft, und die Festspiele müssen gar nicht alle Brillen verteilen. Und die allergrößte Frage: Wird das Brillen-Kontingent in den Folgejahren, wenn der „Parsifal“ weiterläuft, aufgestockt?

„Ich halte das für einen sehr spannenden Schritt“, kommentiert André Bücker das Bayreuther Vorhaben. Sein Staatstheater Augsburg ist Vorreiter bei künstlichen Bühnenwelten. Allerdings verwendet man dort die günstigere, etwas einfachere Technik mit Virtual-Reality-Brillen (VR). Diese sind wesentlich größer als die AR-Brillen, mit denen Bayreuth arbeiten will. Was die VR-Projekte betreffe, „funktioniert alles perfekt“, sagt Bücker. Sein Haus hat 500 Brillen angeschafft. Vor zwei Jahren erregte Augsburg erstmals damit Aufsehen, als diese in Glucks „Orfeo ed Euridice“ eingesetzt wurden und man unter anderem durch ein am Computer animiertes, antikes Arkadien flog.

Mittlerweile gibt es dort hybride Produktionen mit Live- und VR-Geschehen sowie komplette VR-Projekte, dafür kann man sich die Brillen ausleihen. Demnächst will sich auch eine Bayreuther Delegation den Eindruck von den Augsburger Pilot-Inszenierungen verschaffen, der „Orfeo“ wird Anfang Februar wiederaufgenommen. Der nächste Schritt folgt dann schon im Frühjahr, da bringt Augsburg Schönbergs „Erwartung“ heraus – als Videospiel.

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