Raritäten und Rastlosigkeit

von Redaktion

Ana Zirner hat über ihre Kaukasus-Wanderung in „Wilde Berge, weites Land“ geschrieben

VON ANGELIKA MAYR

Manche Momente sind kostbar. Ana Zirner aus Oberaudorf (Landkreis Rosenheim) spürte solche Raritäten während ihrer Wanderung durch den Kaukasus auf. Ihre Erfahrungen, Ängste und Kämpfe im Gebirge zwischen Georgien und Russland hat die Naturliebhaberin in „Wilde Berge, weites Land“ festgehalten. Ein kontrastreiches Bild über die Grenze Europas und über eine werdende Mutter, die sich zur Ruhe zwingen muss.

Zirner ist Autorin, Regisseurin und Bergwanderführerin. Die Tochter von Schauspieler August Zirner wurde 1983 geboren, hat allein die Alpen überquert und ist auf dem Colorado von den Rocky Mountains bis nach Mexiko geraftet. Nun wanderte sie acht Wochen durch den Kaukasus auf georgischer Seite von Ost nach West.

Vor allem ihre Beschreibungen der Landschaften, Dörfer und deren Bewohner in den Bergen machen das Buch interessant. Dabei blickt Zirner mal verträumt in die Weiten, mal spiegelt sie sich in Bergseen oder hört den Wind in den Bäumen rascheln. Diese Momente kostet sie aus und beschreibt eingehend jede kleinste Wolke – ohne in Kitsch abzugleiten. Oft folgt jedoch schnell der Bruch, und der Leser wird etwa mit der Schilderung einer provisorisch aufgespannten Abdeckplane über einem kaputten Hausdach in die Realität zurückgeholt. Oder die Autorin erhofft sich eine Begegnung mit einem der scheuen Braunbären, und trifft doch immer nur auf Straßenhunde. Diese Kontraste sind spannend und passen zu Georgien selbst.

Gleichzeitig aber lassen einen die Widersprüche in Zirners Handeln und Denken oft ratlos zurück. So schwärmt sie stets vom Alleinreisen. Im Buch selbst aber begleiten sie abwechselnd Fremdenführer, Freunde, Familienmitglieder. Außerdem betont sie des Öfteren ihre aufwendige Zwei-Jahres-Planung der Gebirgsreise. Doch dann muss die 38-Jährige die Route kurzfristig ändern, weil sie ungeplant schwanger wird. Sie verträgt die Höhen bis zu 5642 Meter nicht mehr, hadert fortan mit sich selbst, ihrer Umgebung und ihrem neuen Weg.

All das und vieles andere hätte zum besseren Verständnis weiterer Erklärungen bedurft. Stattdessen aber reißt die Autorin ein Thema nach dem anderen an, teilt Menschen sekundenschnell in Gut und Böse ein. So müssen grantig dreinblickende Mönche offenbar immer frauenfeindlich sein. Sich Zeit nehmen oder dem anderen gar Zeit geben, gibt’s bei Zirner selten.

Anders verhält es sich bei den Sagen und Mythen rund um den Kaukasus: Die sind offensichtlich Zirners Leidenschaft, und so blüht sie hier auf. Nach jeder Wiedergabe folgt eine Einordnung. Sie erzählt ruhig und ausgeglichen, ist detailverliebt und prompt wird auch die Person Ana Zirner klarer. Aber das sind Momente. Denn dann geht’s weiter.

Ana Zirner:

„Wilde Berge, weites Land“. Malik, 288 Seiten; 20 Euro.

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