Es war 2021, und Måneskin legten sich Europa zu Füßen. Die wilden, jungen Römer mit dem verwüsteten Makeup einer durchtanzten Nacht gewannen triumphal den Eurovision Song Contest (ESC) in Rotterdam. Ihr Glamrock-Stampfer „Zitti e buoni“ eroberte die Radios, der ESC feierte seine größte Attraktion seit vier gewissen Schweden 1974. Danach: Rockstar-Ruhm, US-Fernsehen, Grammy-Nominierung, weltweit ausverkaufte Konzerte. Auf dem Weg zur Superstar-Karriere erscheint heute das dritte Studioalbum „Rush!“ – das trotz einiger fabelhafter Songs zeigt, dass Damiano David, Thomas Raggi, Victoria De Angelis und Ethan Torchio doch noch nicht die neuen Red Hot Chili Peppers oder Nirvana sind.
Auf ihrer Hatz rund um die Welt haben Måneskin die 17 Lieder unter anderem in Italien, den USA und Japan aufgenommen. Der schwedische Fließband-Hitschreiber Max Martin (Britney Spears, Taylor Swift, The Weeknd) und einige andere Popfabrikanten wurden als Co-Autoren und Mitproduzenten eingekauft – obwohl die Band ihre besten Stücke wie „Zitti e buoni“ oder die hinreißende Ballade „Coraline“ bisher allein geschrieben hat.
Weil Måneskin jetzt die USA und den Rest der Welt erobern sollen, sind nur noch drei der neuen Stücke auf Italienisch gesungen – was bisher gerade den dekadenten, spätrömischen Charme des Quartetts ausgemacht hat. Mamma mia, Damiano, perché lo fai, warum tust du das? Englisch singen kann doch jeder.
Trotz der Überdosis Hype ist „Rush!“ insgesamt durchaus hörenswert. Måneskin sind einfach zu gut, um schlecht zu sein. Klar: Die vier ruhen sich arg auf ihren Rumpel-Rock-Riffs aus, die schon die Nach-ESC-Singles „Mammamia“ und „Supermodel“ nicht allzu interessant klingen ließen. Ob „Gasoline“, „Feel“ oder „Don’t wanna sleep“ – es scheppert oft ähnlich karg. Und „Bla bla bla“ zitiert allen Ernstes den Trio-Minimalhit „Da da da“ von 1982. Mehr Zeit, mehr Feinschliff (und fünf Stücke weniger) hätten „Rush!“ gutgetan.
Andererseits zeigen Måneskin doch immer wieder, wie famos talentiert sie sind – unter anderem mit dem Glamrock-Einstieg „On my Mind“ auf den Spuren von T. Rex, mit dem Gitarrenrock-Ohrwurm „Baby said“ oder zum Schluss mit „The Loneliest“, ihrer bisher herzzerreißendsten Ballade. Und das italienisch gesungene „Mark Chapman“, das sich um fanatische Fans und den Mörder von John Lennon dreht, wird schon jetzt in den Sozialen Netzwerken heiß diskutiert. Das US-Magazin „The Atlantic“ wundert sich übers neue Album: „Das soll die Band sein, die angeblich den Rock’n’Roll rettet? Måneskin sehen wesentlich cooler aus, als sie klingen.“ Das mag für „Rush!“ gelten. Aber die vier sind erst zwischen 22 und 24, da kommt noch mehr. Musik aus Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.
Måneskin:
„Rush!“
(Epic/Sony Music).