An der rosaroten Front

von Redaktion

PREMIERE Jacques Offenbachs „Die Großherzogin von Gerolstein“ hält Hof am Gärtnerplatztheater

VON MARKUS THIEL

Olaf Scholz müsste in der Mittelloge thronen, auch Wladimir Putin. So wie es einst Wilhelm I. von Preußen und Zar Alexander II. hielten als Fans dieser Operette. Am Gärtnerplatz funktioniert das in der Premiere schon deshalb nicht, weil dort die Kessler-Zwillinge sitzen. Und vielleicht hätten sich die Staatenlenker gar nicht angesprochen gefühlt von der aktuellen Sause, die Offenbach mittels einer Zangenbewegung rosaroter Fronten einzunehmen versucht.

Dass die Titelheldin der „Großherzogin von Gerolstein“ ein Kerl ist, haben schon andere (natürlich auch Barrie Kosky in Berlin) praktiziert. Das garantiert hier eine pikante Extra-Dosis und Extra-Nachfrage im Glockenbachviertel, was nur legitim ist. Noch dazu, wenn mit Juan Carlos Falcón ein Sänger dabei ist, dem man sein Geschlecht erst glaubt, wenn er den Mund aufmacht. Ob in roter Uniform mit hochhackigen Lederstiefeln oder im Badeanzug macht der Tenor bella figura. Statt Dragqueen-Klamauk gibt’s einen leicht wippenden Stöckelgang und wie beiläufiges Wegstreichen der Haarsträhne. Dass Falcón von einer Indisposition genesen ist, hört man – in den Folgeaufführungen dürfte sich auch sein Gesang von 75 auf 110 Prozent steigern.

Hausherr Josef E. Köpplinger führt wieder seine Kernkompetenz vor. Alles flutscht dank gut geöltem Regie-Motor, als ob die Produktion seit Wochen tuckert. Vor drei Jahren kam die Inszenierung an der Dresdner Semperoper heraus, nach drei Aufführungen war wegen Corona Sense. Die Kollegen mögen aus der „Großherzogin“ eine beißende bis bittere Antikriegs-Satire machen, Köpplinger will nur spielen. Das macht er gut und bringt jede Bewegung, jeden Charakter auf den Punkt.

Immer wieder wuselt eine Touristengruppe durch den Mini-Staat Gerolstein (1,8 mal 1,7999 Kilometer, wie das Ouvertüren-Video erläutert). Ein riesiger Bilderrahmen und martialisch-erotische Gemälde lassen alles zum „Als ob“ werden – Köpplinger scheint da mit Johannes Leiacker (Bühne) und dem fantasievollen Kostümbildner Alfred Mayerhofer etwas Vergangenes, Untergegangenes zu beschwören.

Als Höchststrafe verhängt General Bumm (der von Alexander Grassauer mit prächtigem, einschüchterndem Bassbariton gestaltet wird) gegen einen Soldaten das Tragen eines Tutus. Das gibt schon kurz nach Beginn den Ton vor: Es wird ein Abend der abgeknickten Handgelenke, des lustvollen Gender-Spiels – auch wenn Daniel Prohaska als Prinz Paul schwule Stereotype bedienen muss. Der von der Herzogin adorierte Fritz darf fürs Schaumbad (fast) alles ablegen, was Mann und Frau im Publikum zum Fernglas greifen lässt. Die Wannenszene inklusive Entchen wird da zum hübschen Pointenfischen. Im Laufe des Abends streichelt das Personal öfter eine (die einzige?) phallische Bombe des Zwergenstaats. Gern wird Karikaturen-Alarmstufe Pink ausgelöst. Die flotten Choreografien von Adam Cooper passen sich perfekt ein. Und manchmal kommt es auch zu Fehlzündungen.

Gesungen wird durchwegs hervorragend, man höre nur den verschwenderisch eingesetzten Tenor von Matteo Ivan Rašić (Fritz) oder das Sopranleuchten von Julia Sturzlbaum (Wanda). Sigrid Hauser donnert die Gerolstein-Politikerin Erusine von Nepomukka zur Groteske auf und ist damit der einzige echte Kerl auf der Bühne. Wo noch nachzubessern wäre: Nicht alles ist zu verstehen. Das liegt sicher an der harten deutschen Übersetzung, Französisch bietet für den Text einfach das bessere Gleitmittel. Etwas Diktionsnachhilfe oder ein paar Mikros, und die Sache wäre rund.

Michael Balke hält das Gärtnerplatzorchester (und den gut reagierenden Chor!) auf hoher Umdrehungszahl. So wieselflink und reaktionsstark da musiziert wird: Auch das könnte dreckiger sein, Offenbach schwebte – nicht nur – für diese Partitur mehr Schmutz statt Saft vor. Überhaupt entgeht der Produktion, wie viel kritische Masse in der „Großherzogin“ steckt und wie stark über Militarismus geätzt wird. Die politische Lage zur Uraufführungszeit anno 1867 war für Frankreich heikler und bedrohlicher als für Deutschland heute. Wer angesichts der täglichen „Tagesschau“-Dröhnung dagegen Eskapismus braucht, ist am Gärtnerplatz bestens aufgehoben – der Premierenjubel bestätigt das. Scholz und Putin hätten sich angeschlossen, sie waren ja nicht gemeint.

Weitere Vorstellungen

am 28. Januar, 4., 5., 9., 19. Februar sowie 9., 11. und 17. März;

Telefon 089/21 85 19 60.

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