Lebt eigentlich Bob Dylan noch? Diese Frage klang 1997 weitaus despektierlicher als heute. Gerade geht Dylan zwar auf die 82 zu, aber jeder weiß: Würde die Legende das Zeitliche segnen, man würde es mitbekommen. Ein mediales Erdbeben würde über den Globus rumpeln. Hätte man sich 1997 nach dem irdischen Verbleib des Songwriters erkundigt, hätte man sehr oft Achselzucken geerntet: Der alte Holzmichl? Frag mich was Leichteres… Dylan war passé.
„Time out of Mind“ änderte alles. Das Album riss dem unvorbereiteten Publikum Augen und Ohren auf und setzte den damals 56-Jährigen unversehens vom Abstellgleis in die Spur zum gefeierten Alterswerk. Songs, die im Blues fußen und doch seltsam schillern. Mit Texten, die wie das Therapieprotokoll eines Lebensmüden klingen, aber Trost spenden. Der Geistesblitz aus heiterem Himmel räumte drei Grammys ab, wurde allenthalben zum Album des Jahres gekürt und steht selbst in Dylans prachtvoller Diskografie da wie ein Monolith.
Eine erweiterte Neuauflage im Rahmen der „Bootleg Series“ beleuchtet nun die Entstehung des Werks, mit dem sich der halb Vergessene selbst aus dem Sumpf zog. „Fragments“ heißt sie, was ganz gut zeigt, wie sehr das Leben des Musikers in Stücken lag.
Tatsächlich wäre Dylan damals beinahe gestorben. Herzbeutelentzündung, es stand Spitz auf Knopf. „Ich habe wirklich gedacht, ich würde bald Elvis sehen“, zitierte ihn seine Plattenfirma. Aber es war ja nicht nur das. Seit sieben Jahren hatte er keine neuen eigenen Lieder mehr aufgenommen, nachdem schon die Achtziger katastrophal gewesen waren. „Alles war zertrümmert“, erinnert er sich in seiner Autobiografie „Chronicles“. „Meine eigenen Songs waren mir fremd geworden.“ Sinnkrise, Karriereknick. Zu allem Überfluss verlieh man ihm 1991 auch noch den Grammy für sein Lebenswerk, mit nicht mal 50 legte man ihn gewissermaßen schon in den Sarg. 1995 starb dann sein alter Freund und Vertrauter, Grateful-Dead-Chef Jerry Garcia. Dylan war fertig.
Und weil es in diesem von Volten und Mythen gespickten Leben gar nicht anders sein kann, gibt Dylan vor, in seiner tiefsten Depression den brennenden Dornbusch gesehen zu haben. Ein Vers aus dem Johannes-Evangelium sei ihm nicht aus dem Kopf gegangen: „Wir müssen die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann.“ Und Dylan machte sich ans Werk. Er schrieb Texte und schickte sie an Daniel Lanois, mit dem er bereits erfolgreich zusammengearbeitet hatte und den man als Produzent von U2, Peter Gabriel und Brian Eno kannte.
Der hübsch bebilderte Essay zu „Fragments“ zitiert Lanois, der wie vom Donner gerührt war: „Ich hatte keine einzige Note oder Melodie gehört, aber ich war überwältigt. Die Worte waren hart, tief, verzweifelt, stark und klangen, als kämen sie von jemandem, der eine ganze Reihe an Leben gelebt habe, und ich glaube, Bob hat das.“
Lanois’ Beitrag zu „Time out of Mind“ ist nicht zu unterschätzen. Während Dylans neue Songs überwiegend dem Bluesschema folgten, überzog der Kanadier sie mit Hall, schichtete Effekte auf Gesang und Instrumente. Dylan klang jetzt so, als funke er aus einem Reich zwischen den Lebenden und den Toten, und gleichzeitig flimmerte der Sound wie die Luft über Malariasümpfen.
Die Lieder geizen nicht mit reizenden Melodien, aber „Not dark yet“ lässt keine Fragen offen: „Ich wurde hier geboren und werde hier sterben, gegen meinen Willen. Obwohl es wirkt, als bewegte ich mich, stehe ich still. Jeder Nerv meines Körpers ist so nackt und taub. Es ist noch nicht dunkel – aber bald ist es so weit.“ Ohne Hoffnung auf Erlösung stapft Dylan durch diese Songs – die Meriten der Vergangenheit sind keinen Pfifferling mehr wert. Im epischen „Highlands“ beobachtet der Erzähler junge Leute auf der Straße. Er würde sein Leben mit dem ihren tauschen, „von jetzt auf gleich, wenn ich könnte“.
Natürlich zoffte sich der Musiker irgendwann mit dem Produzenten. Lanois wollte Dylan einen Hit zimmern, aber dem waren die modernen Studio-Tricks nicht geheuer. Über dem Song „Mississippi“ zerstritten sie sich vollends, Dylan veröffentlichte ihn erst auf seinem nächsten Album. Einen Produzenten hat er sich seitdem nie wieder genommen. Die Neuauflage bietet denn auch neben alternativen Versionen einzelner Songs einen komplett neuen, schlichteren Mix des Albums. Eine hörenswerte Wiederaneignung, die aber den Wert des Originals nicht schmälert.
„Time out of Mind“ wurde nicht nur sofort als Meisterwerk erkannt, sondern angesichts von Dylans Beinahe-Dahinscheiden als berühmte letzte Worte vom Totenbett (miss-)verstanden. „Dylan lebt“, titelte „Newsweek“. Das „Aber wie lange noch?“ musste man sich dazudenken. Im Interview erwiderte der Künstler: Ja, vielleicht handle das Album von der Sterblichkeit – aber nicht nur von seiner eigenen. „Es ist die eine Sache, die wir alle gemein haben.“
Kein Wunder also, dass die Strahlkraft des Albums ungebrochen ist. Künstler von den White Stripes („Love Sick“) bis zu Adele („Make you feel my Love“) coverten die Songs. Von nun an nahmen auch junge Generationen Dylan nicht als Relikt wahr, sondern als relevanten zeitgenössischen Künstler. Für ihn wurde „Time out of Mind“ so von der Sterblichkeits- zur Unsterblichkeitsplatte. Zum Überlebenswerk und Meilenstein zu Beginn seiner letzten Schaffensperiode. Der lehrt: Dylan lebt. Und wer ihn abschreibt, ist selber schuld.
Bob Dylan:
„Fragments – Time out of Mind Sessions 1996-1997: The Bootleg Series Vol.17“
(Columbia).
Die Musik flimmerte wie die Luft über Malariasümpfen
Adele und die White Stripes coverten die Lieder