Neun weiße Kugeln, hergestellt aus Silber, bestimmt für neun Menschen. Das letzte Opfer, so viel steht fest, soll Kommissar Joona Linna sein. Und nur Saga Bauer kann ihn retten. Zumindest steht es so auf der seltsamen Postkarte, die die ehemalige Polizistin vor drei Jahren kurz vor ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus erhalten hat. Nachdem der Serienmörder Jurek Walter ihre Familie ausgelöscht, ihre Existenz vernichtet und ihren Willen gebrochen hat, schlägt sich Saga als Privatdetektivin durch. Joona Linna ist nach kurzer Beurlaubung in den Polizeidienst bei der NOA, der Nationalen Eingreiftruppe, zurückgekehrt.
Beide hat die Jagd auf das Monster Jurek Walter schwer traumatisiert. Und obwohl Linna ihn schlussendlich getötet hat, lässt der Killer sie nie ganz los. Dass die Postkarte mit einem Anagramm des toten Serienmörders unterschrieben ist, nehmen beide nur deshalb nicht ernst, weil Jurek Walter ohne jeden Zweifel tot ist. Bis das Morden beginnt.
Das Raubtier, wie die Stockholmer Ermittlungsgruppe um Linna den Täter zunächst nennt, schlägt erbarmungslos zu. Und tötet auf die immer gleiche brutale und wahrlich ekelhafte Weise Menschen, die in Verbindung mit Saga Bauer stehen. Es kündigt seine Morde an. Und immer ist die Polizei einen Schritt zu langsam. Bis der Verdacht auf Saga selbst fällt. Die muss schließlich auf sich allein gestellt der selbst ernannten „Spinne“ nachjagen, in deren Netz sie sich bereits verfangen hat.
Joona Linna und Saga Bauer haben bis zum neunten Band der Linna-Reihe schon eine Menge durch. Autor Lars Kepler, hinter dem sich das schwedische Ehepaar Alexandra Coelho-Ahndoril und Alexander Ahndoril verbirgt, schont seine beiden Protagonisten aber auch in „Spinnennetz“ nicht. Auf 654 Seiten wird auf recht unappetitliche Weise gemordet, und selbst zentrale und etablierte Figuren sind nicht sicher vor der „Spinne“.
Die Ermittler haben dabei nicht nur einen extrem effektiven Serienmörder zum Gegner, sondern auch die eigenen Dämonen, die sich auf unterschiedliche Weise zeigen. Sprachlich dicht und detailreich schildert Lars Kepler die Jagd auf die „Spinne“, aber auch die seelischen Abgründe, an denen sich die ramponierten Hauptfiguren bewegen. Das ist tatsächlich bis zur letzten Seite spannend, auch wenn man sich als Leser ab und an fragt, wie es nur so reibungslos für den Mörder laufen kann. Ist er wirklich nicht aufzuhalten? So viel sei verraten: Der Täter erweist sich als alles andere als stabil, man könnte beinahe sagen, nicht lebensfähig – er mordet aber makellos. Das und die explizite Erotik in der Geschichte stellt Lars Kepler über weite Strecken höchst plastisch dar.
Wem das nicht zu deftig ist – und wer über kleinere Logiklücken hinwegsehen kann – findet in „Spinnennetz“ das, was man einen Pageturner nennt: ein gut gemachter Schwedenkrimi, den man einmal gefangen im Netz der Spinne nicht mehr aus der Hand legen kann.
Lars Kepler:
„Spinnennetz“. Aus dem Schwedischen von Thorsten Alms und Susanne Dahmann. Lübbe, Köln, 654 Seiten; 23 Euro.