Er hat ihn aus dem Atelierfenster geworfen, hat mit einer Luftdruckpistole auf ihn geschossen, hat ihn angezündet und mit der Axt malträtiert. Norbert Bisky hat mit Franz Marcs „Der Turm der blauen Pferde“ (1913) getan, was das Schlimmste ist, das man Kunstwerken antun kann: Er hat es zerstört. Nicht das Original natürlich, weil „Der Turm der blauen Pferde“ zwar das berühmteste Gemälde des expressionistischen Künstlers (1880-1916) ist, aber zugleich verschollen. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs verschwunden – zerstört? Als Beutekunst zum Bestpreis verhökert? Oder gar – eine der vielen Theorien – in einem Zürcher Banksafe gelagert? Die Antwort kennt auch Norbert Bisky nicht. Obwohl er sich vor seiner brutalen Kunstaktion intensiv mit seinem Kollegen Franz Marc und dessen Werk beschäftigt hatte. 2017 war das, zur Gruppenausstellung „VERMISST. Der Turm der Blauen Pferde von Franz Marc“ in Berlin. „Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Marcs Bild zerstört ist – ich wollte das nachempfinden und sichtbar machen“, sagt er heute.
Heute, das ist knapp sechs Jahre und einen Kriegsbeginn in Europa später. Bräsig, wie man als von einer langen Friedensperiode verwöhnter Europäer ist, sieht man Biskys Arbeit, die Teil der neu konzipierten Dauerausstellung im Schlossmuseum Murnau ist (s. Kasten), in diesem Heute in einem neuen Licht. Plötzlich liest man darin nicht mehr nur die Geschichten des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Plötzlich sind da die Bilder von ukrainischen Kunststätten, die von russischer Seite bewusst angegriffen werden, um die kulturelle Identität der Bevölkerung zu zerstören.
Norbert Bisky, einer der erfolgreichsten deutschen Maler unserer Zeit, hat eine klare Haltung zum Krieg in der Ukraine: „Ich bin dafür, alles zu tun, um die Ukraine darin zu unterstützen, diesen unrechtmäßigen Krieg zu beenden. Alles, was sie dafür benötigt, soll sie bekommen. Und wenn dazu Panzer gehören, dann Panzer. Und wenn dazu Kampfjets gehören, dann Kampfjets. Denn wenn Putin mit diesem Angriff durchkommt, wird das für die Welt in jedem Fall schlechter ausgehen, als wenn er nicht durchkommt.“ Aus diesen Sätzen spricht auch Biskys Lebensgeschichte. 1970 in Leipzig geboren, hat er am eigenen Leib erfahren, wie brutal das sozialistische System sein konnte. Mit 19 musste er zum Wehrdienst bei der NVA antreten, beging Fahnenflucht – und landete im DDR-Militärgefängnis. Seine Ölmalereien spiegeln Biskys Wunsch wider, das Grau des Ostblocks hinter sich zu lassen. Sie strotzen vor Licht und Lebensfreude. Doch der schöne Schein trügt: Immer wieder brechen in den Bildern die Abartigkeiten der Menschheit durch. „Dass der Kalte Krieg nicht zu Ende ist, war mir irgendwie klar, doch dass da jetzt ein heißer Krieg draus wird und was diese Verbrecher im Kreml gerade anrichten, macht mich fertig.“
Wenn er von seiner Auseinandersetzung mit Marc erzählt, blitzt durch, was Biskys Lebensthema ist: Optimismus, Freude, ein Trotz-allem. „Ich habe meine Liebe zum Expressionismus neu entdeckt. Ich habe so eine Freiheit und Schnelligkeit wiederentdeckt, die Lust daran, die Farbe in großen Flächen aufzutragen, die Form zu dynamisieren und sich von der realistischen Darstellung zu entfernen.“ Das mit der Lebensfreude, das stimme schon. „Ich bin natürlich auch durch meine bisherige Lebensgeschichte Optimist. Für mich hat sich die Welt geöffnet, als die Mauer gefallen ist. Ich konnte in Madrid studieren, ich konnte Künstler werden. Allein, was Europa bedeutet! Ich pendle heute zwischen Berlin und Andalusien und darf dadurch andere Perspektiven einnehmen, was ,der Westen‘ bedeutet, auch an kulturellen Werten. Ich bin da ja nicht reingeboren, sondern ich habe das erst als erwachsener Mensch kennengelernt. Ein übergroßes Glück, daraus ziehe ich meinen Optimismus.“ Dann muss er selbst lächeln. „Ich weiß, es gibt viele Leute, die das entsetzlich nervt, wenn ich so was erzähle. Die würden immer auf die Schwierigkeiten von Europa hinweisen. Doch wir sehen ja gerade, in welche Richtung es auch gehen könnte: Fresse halten, Leute erschießen, einschüchtern, Freiheit rauben, Kunst zerstören.“
Er selbst hat gleich nach Kriegsbeginn 2022 einen Druck angefertigt, ihn für eine Viertelmillion Euro versteigert und das Geld der Ukraine-Hilfe und Save the Children gespendet. Das will er weiter tun, weiter Gelder sammeln und Hilfe koordinieren. Durch seine Kontakte in der internationalen Club-Szene ist er mit vielen Ukrainern befreundet. „In Deutschland wissen wir gar nicht, was Krieg bedeutet. Deshalb sind viele müde von dem Thema, finden, die Ukraine solle nicht so vorlaut sein und stattdessen nehmen, was man ihnen gibt. Dagegen zu sprechen, das versuche ich auch. Zu sagen: Leute, die kämpfen da um ihr Leben, und die haben alle Unterstützung verdient – und wenn auch nur aus egoistischen Motiven. So lange, wie es nötig ist.“
Den Marc erst zum Leben zu erwecken und ihn dann zu zerstören, das sei schwer erträglich gewesen. Aber dies sei eben, was Kunst bewirken könne: die Dinge nachzuspielen, nachzuempfinden. Und für ihn als Künstler: sie zu verarbeiten. „Ich male auch, weil es meine Antwort ist auf das Leben, um damit klarzukommen.“ Trotz allem.