Kunststück

von Redaktion

Bertault und Helbock in der Unterfahrt

Das geht also auch im Jazz: eine Karriere in den Sozialen Netzwerken zu starten. Camille Bertault wurde 2015 mit einem hunderttausendfach geklickten Video, in dem sie einen selbstverfassten französischen Text auf John Coltranes legendäres „Giant Steps“-Solo sang, zu einer kleinen Netz-Sensation. Längst kann auch in der analogen Welt niemand mehr ihr Talent ignorieren, wie ihr umjubeltes Duo-Konzert mit dem Vorarlberger Pianisten David Helbock in der Münchner Unterfahrt bewies.

Gleich der Auftakt mit einem furiosen Stück des Brasilianers Egberto Gismonti offenbart, dass sich hier zwei ideale Partner zwischen Virtuosität und Verspieltheit gefunden haben. Erst das rasante Thema im halsbrecherischen Unisono genommen, dann von der Zweisam- zur Vielstimmigkeit mittels Live-Looping von Piano und Stimme. Monk, Björk, Scriabin, Prince: Die Ausgangsmaterialien, die sich Bertault und Helbock in ihren verwegenen Travestie-Kunststücken anverwandeln, könnten unterschiedlicher kaum sein. Auch Selbstgeschriebenes findet Platz, etwa wenn Helbock von „Lonely Woman“, der bekanntesten Komposition des Free-Jazz-Pioniers Ornette Coleman, zu der schrägen Hommage „Lonely Superman“ inspiriert wird. Und Bertault macht aus dem Jazz-Standard „Good Morning Heartache“ – schließlich ist es schon spät und sie eine charmant-kokette Pariserin – „Bon soir, mal de coeur“.

Das größte Kunststück der beiden besteht darin, das raffinierte Kalkül ihres Zusammenwirkens – denn hier ist jeder Wow-Effekt sehr sorgsam platziert – so spontan-spielerisch wirken zu lassen. Ein erzmusikantischer, höchst unterhaltsamer Spaß, der allen Konventionen, nicht nur des Jazz, eine lange Nase dreht. REINHOLD UNGER

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