Erbauend

von Redaktion

Architekturmuseum ehrt Marina Tabassum, die mit ihren Häusern Leben rettet

VON KATJA KRAFT

Kann Architektur die Welt verändern? Marina Tabassum lächelt verlegen und sagt dann fast schüchtern: „Nein.“ Weil sie eine sehr freundliche, zurückhaltende Person ist. Vielleicht auch, weil sie eine Frau ist. Und es sich nicht schickt, als solche mal breitbeinig die eigene Bedeutung zu markieren. Genau genommen hatte man sie nämlich gefragt, ob sie, Marina Tabassum, als Architektin die Welt verändern kann. Die wahrheitsgemäße Antwort muss dann heißen: Ja, sie kann. Und tut’s unermüdlich. Heute startet im Architekturmuseum der TU München eine Ausstellung, die das beweist. Es ist ein Glück, dass auch Museumsleiter Andres Lepik ein sehr gewinnender Mensch ist. Er konnte Marina Tabassum davon überzeugen, dass der Welt gezeigt werden muss, was die ihr zu verdanken hat. Einer 55-jährigen Frau aus Bangladesch, deren erste große Stärke ist, dass sie hinsieht, was um sie herum schiefläuft. Und dann – große Stärke Nummer zwei – etwas tut, die Schieflage geradezurücken.

Und so wirft ein Gespräch mit Marina Tabassum einen auch auf das eigene egoistische Handeln zurück. Wenn man vor Interviewbeginn mit ihr über München plaudert und sie von der Struktur, der Sauberkeit, den historischen Bauten schwärmt. Und man ganz verlegen wird, weil man weiß, dass unser Reichtum nicht zuletzt auf der Ausbeutung ärmerer Länder wie eben Bangladesch gründet. Womit wir mitten in Tabassums Berufs- und wohl Lebensthema sind. Das kann man bei ihr nicht trennen. Dass sie keine Kinder hat, sei eine bewusste Entscheidung gewesen, betont sie. Nebenher noch kurz die Welt retten geht halt nur in Popsongs.

Das Leben in der Heimat der Architektin ist von häufig über die Ufer tretenden Flüssen geprägt. So schön die Installation am Ausstellungsbeginn ausschaut, die die vielen Läufe des Ganges-Deltas auf kunstvolle Weise darstellt, so bedrohlich wirkt sie. Wie lodernde Flammen. Die Einwohnerinnen und Einwohner Bangladeschs sind die Leidtragenden des Klimawandels, der ihre Lebensgrundlagen bedroht. Tabassum entwickelt mit ihrem Architekturbüro – übrigens einem der wenigen von einer Frau geführten in Bangladesch – prestigeträchtige Regierungsprojekte wie das Museum of Independence and Independence Monument oder identitätsstiftende Bauten wie die Bait Ur Rouf Moschee. Letztere ausgezeichnet mit dem renommierten Aga Khan Award. Doch immer wieder reist sie mit ihrem Team auch ins Ganges-Delta, um Häuser für die einfache Bevölkerung zu entwickeln, die den ansteigenden Meeresspiegeln ausgesetzt ist. „Entscheidend ist: Wir entwickeln die Häuser mit den Menschen vor Ort. Wir brauchen ihr Wissen. Etwa über die dort vorhandenen natürlichen Baumaterialien. Und über die Bautraditionen. Nur wenn wir uns am authentischen ,Delta‘-Stil orientieren, fühlen sich die späteren Bewohner in den Häusern wohl“, weiß Tabassum, die bei jedem Projekt ein uneitles Ziel verfolgt: sich selbst schnell überflüssig zu machen. „Wir geben den Menschen das Know-how, es selbst zu machen. Wir bestärken sie mit Wissen.“

Wie reagieren die Leute? „Zu Beginn haben viele Zweifel, ob sie das selbst bauen können. Doch je mehr Vorbilder wir fertigen, desto mehr spricht sich herum, dass das Prinzip funktioniert. Im April etwa hatten wir zehn Häuser in einer Region errichtet, die einen Monat später von verheerenden Überschwemmungen betroffen war. Alle zehn haben der Flut standgehalten.“ Erfolg als bestes Überzeugungsmittel.

Ein Projekt sind beispielsweise die Khudi Bari (kleines Haus). In den vergangenen zwei Jahren hat Tabassums Büro diese rund 450 US-Dollar günstigen Bausysteme entwickelt. Sie können von den Bewohnern selbst schnell ab- und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Etwa, wenn heftige Regenfälle einsetzen und drohen, den sandigen Grund wegzureißen. Eines dieser Häuser steht nun in München. So simpel wie genial erinnert es daran, beim Blick in die Zukunft häufiger in die Vergangenheit zu blicken. „Die Idee ist, zu schauen, wie man gebaut hat, ehe wir uns komplett von technischen Errungenschaften abhängig gemacht haben. Wie haben Menschen durch kluge Bauweise ihre Häuser beispielsweise warm gehalten? Sie können natürlich nicht komplett zurück in die vorindustrielle Zeit, aber es braucht eine Balance zwischen Ursprung und Moderne. Sie sehen ja gerade in Deutschland, was passiert, wenn Energiequellen nicht mehr sicher sind.“

Das ist, was sie ihren Studierenden mit auf den Berufsweg geben möchte: „Anderen Menschen mit Respekt zu begegnen. Mögen sie auch arm an Besitz sein – sie sind reich an Erfahrungen und Wissen.“ Westliche Augen schauen ja gern überheblich auf industriell weniger entwickelte Länder herab. Dabei sind die uns, wenn hier der Strom ausfällt, in vielem überlegen. Statt zu meinen, man wisse alles besser, müsse man einen Dialog schaffen. Der am Ende allen nützt. „Flucht, Vertreibung, Umweltzerstörung, das sind Themen unserer Zeit. Wie kann Architektur auf diese Probleme reagieren? Das überlegen wir unentwegt.“ Und machen die Welt so nicht nur ein kleines bisschen besser.

Bis 11. Juni

Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne, Di.-So. 10-18, Do. bis 20 Uhr.

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