Die sanften Akkorde verbreiten Geborgenheit. Die helle, knabenhafte Stimme von Roman Melish berührt in ihrer Zerbrechlichkeit. „Du holde Kunst, in wie viel grauen Stunden“, singt der ukrainische Countertenor innig. „Hast du mein Herz zu warmer Lieb’ entzunden, hast mich in eine bessre Welt entrückt!“ Für diesen besonderen Liederabend im vergangenen November mit dem von Franz Schuberts Lied inspirierten Titel „Solospivy yednannia. An die Musik“ in der goldglänzenden St.-Andreas-Kirche in Kiew stehen Dieselgeneratoren bereit, damit bei Stromausfall das von Andriy Vasin gespielte E-Piano nicht stumm bleibt. Nur bei Bombenalarm müsste man den Abend abbrechen. Aber es bleibt ruhig in dieser Nacht. Die eingeladenen Kriegsflüchtlinge können sich für eine Stunde in eine bessere Welt träumen. Ein Stück Normalität im Chaos, ein wenig Balsam für die Seele.
Bis vor wenigen Tagen hat Taras Stoliar noch an der Ostfront im Donbas gekämpft. Nun sitzt der Soldat im Kampfanzug neben dem Sänger und spielt die Bandura, das ukrainische Nationalinstrument. Stoliar ist eigentlich Profi-Musiker im NAONI-Orchestra, dem nationalen Orchester für Volksinstrumente. Seit dem Angriff Russlands verteidigt er sein Heimatland; für das Konzert brauchte er eine Sondererlaubnis der Militärbehörde. „Wir konnten so zeigen, dass auch Musiker als Soldaten für unser Land kämpfen“, sagt Roman Melish im Videogespräch.
Deutsche und ukrainische Lieder hatte der Sänger für diesen Abend zusammengestellt, den man zuvor auch in zwei Konzerten im ehemals russisch besetzten Irpin in einer Bücherei veranstaltete. „Das Publikum war sehr berührt. Ich habe viele Tränen gesehen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer haben für die Dauer des Konzertes vergessen, dass sie Flüchtlinge sind“, erzählt der 34-jährige Sänger.
Dass mitten im Krieg diese deutsch-ukrainischen Liederabende in der Ukraine stattfinden, ist Silke Gäng zu verdanken. Die Mezzosopranistin und künstlerische Leiterin von „LiedBasel“ hat mit Melish zusammen in Basel studiert. „Wir waren eher Kollegen als Freunde“, sagt sie beim Gespräch in ihrer Heimatstadt Freiburg. Als Russland die Ukraine angriff und sie auf Melishs Instagram-Profil furchtbare Bilder aus dem Krieg sah, war sie tief bewegt und nahm Kontakt auf. „Es gab damals bei uns viele Solidaritätskonzerte. Ich wollte den Menschen vor Ort mit Musik helfen. Aber wird Musik überhaupt gebraucht, wenn man ums Überleben kämpft?“ Beim Festival „LiedBasel“ stellt sie mit ihren Mitstreitern das Kunstlied in einen gesellschaftlichen Kontext und geht der Frage nach, was Musik bewirken kann. Der Krieg sei sozusagen der „Reality-Check“ gewesen.
Für Melish war das Kunstlied Neuland. Der Countertenor ist auf Alte Musik spezialisiert. Deshalb kam er 2013 nach Basel zum Studium an die Schola Cantorum Basiliensis. Deshalb kehrte er 2019 in die Ukraine zurück, um dort die historische Aufführungspraxis bekannter zu machen. Bei Kriegsausbruch am 24. Februar 2022 war er im Haus seiner Eltern in der Westukraine. „Ich war total gelähmt und hatte eine unglaubliche Angst.“ Überall herrschte Panik, die Supermärkte wurden leer gekauft. Erst am 6. April kehrte der Künstler im abgedunkelten Zug für ein Konzert nach Kiew zurück. Und erlebte eine Stadt im Ausnahmezustand – mit Checkpoints, nächtlicher Ausgangssperre und Menschen, die in der U-Bahn leben, weil ihr Haus zerbombt wurde. Am Anfang habe er sich als Musiker völlig nutzlos im Krieg gefühlt, aber das habe sich geändert. „Für mich bietet Musik die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was passiert. Mit Musik kann ich meine Emotionen teilen. Die Menschen brauchen hier Musik, weil sie etwas fühlen möchten. Sie ist wichtig für den inneren Halt.“
Als sich Silke Gäng bei ihm meldete, war er gerührt – „wie eine Umarmung in diesem furchtbaren Krieg“. Die Unterstützung aus Basel bedeutet ihm viel. „Sie hilft mir, damit ich anderen helfen kann.“ Für den nächsten Liederabend könnte er sich einen Auftritt vor Soldaten vorstellen. Oder ein Konzert in Butscha, dem durch das russische Massaker weltweit bekannt gewordenen Ort. Aber zunächst kommt Melish im April nach Basel, um einen Liederabend zu geben und sich bei den Spendern zu bedanken. Auch Taras Stoliar soll dabei sein, wenn der Frontsoldat wieder eine Sondererlaubnis bekommt.