Unaufhörlich

von Redaktion

Der nimmermüde Peter Kraus begeistert in der ausverkauften Isarphilharmonie

VON KATJA KRAFT

Was macht eigentlich Herr Leiers? Der Lateinlehrer, den man mal hatte. Immer voller Energie und mit Schalk im Nacken. Bis er in Vorruhestand ging. Und dann, beim Klassentreffen ein Jahr später: Sah Herr Leiers mit einem Mal selbst wie eine der arg vom Zahn der Zeit angeknabberten antiken Skulpturen aus, über die er früher im Unterricht so fröhlich geplaudert hatte. Man muss öfter an ihn denken, am Montagabend in der rappelvollen Isarphilharmonie. Denn der Sänger, der da für einen ausverkauften Saal und für aufgekratzte Stimmung sorgt, behauptet jetzt schon zum sechsten Mal, dass diese Tour nun wirklich seine letzte sei. Meine Güte, der Mann ist 83. Aber, meine Güte, der Mann gehört doch auf die Bühne. Wenn Peter Kraus diesmal wirklich Ernst macht: Steht’s im nächsten Jahr dann um ihn wie um Herrn Leiers?

Die Frau zwei Plätze weiter, Balkon rechts, ist sich sicher: Der hört nicht auf. „Der kann doch gar nicht ohne uns“, raunt sie ihrer Freundin zu. Die nickt wissend und ein bisschen, als wollte sie sich selbst Mut machen. Denn sie können doch auch nicht ohne ihn. Peter Kraus, der war für sie alle ja immer da. Im „Fliegenden Klassenzimmer“ (1954) haben sie seine Pausbäckchen bequietscht. Später hing sein „Bravo“-Starschnitt über ihren Betten. Und wenn es zum Tanzen ging, dann wollten sämtliche Jungs die Hüften schwingen wie er – und die Mädels einmal seine roten Lippen küssen. Denn zum Küssen sind sie da.

Heute sehen Kraus’ Lippen nicht mehr ganz so weich aus wie damals. Da hat nicht nur die Zeit geknabbert, sondern wohl auch jemand versucht, mit medizinischen Mitteln dafür zu sorgen, dass das alles forever young ausschaut. Schade, hätte der ewigjunge Peter gar nicht nötig. Denn der ist so fit wie seine weißen Turnschuhe.

Ja, ja, der Hüftschwung ist etwas steifer geworden als vor 60 Jahren; und ja, es bekommt ein bisschen Schieflage, wenn er Conny Froboess’ und seinen Hit „Sag’ mir, was du denkst“ (1960) heute Händchen haltend mit seiner Jahrzehnte jüngeren Bühnenbegleitung singt. Aber der Kraus weiß schon, wie er mögliche Peinlichkeiten charmant wie als junger Strizzi überspielt. Wenn’s einmal hakt mit dem Teleprompter und er vergisst, was als Nächstes kommt: „Ich hab’ hier einen Spickzettel, doch der nützt nix, weil ich nicht weiß, wo ich bin. In meinem Alter ist das okay, oder?“ Aber so was von okay, signalisieren sie ihm mit frenetischem Jubel. Kennen sie ja selbst, wie das ist mit der Vergesslichkeit.

Und wenn aus seinem Evergreen „Sugar Sugar Baby“ der „Sugar Sugar Daddy“ wird, freuen sich besonders die älteren Ladys im Publikum. Weil: Der Kraus Peter, der ist seit mehr als 50 Jahren mit seiner Ingrid verheiratet. Der lässt sich nicht auf die jungen Dinger ein. Amüsiert boxen sich auch die beiden Damen auf dem Balkon rechts in die Seite, wenn er mit verstellter Frauenstimme miaut: „Sugar Daddy, gäh, das kaufst du mir? Dann bleib ich bei dir.“

Selbst das haarscharfe Abgleiten ins Kaffeefahrt’eske ist beim Peter in Ordnung. Soll er ruhig vor der Pause für seinen Merchandise-Stand mit der aktuellen CD werben. Etliche kaufen sie gern, freuen sich über die beiliegende Autogrammkarte, und tanzen dann in Hälfte zwei noch mal so richtig ab. Zu „Manchmal“, „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ oder dem unverzichtbaren „Jailhouse Rock“. Zugabe, Zugabe, Zugabe. Da steht und swingt der ganze Saal. Und am Ende eine La-Ola-Welle. Unaufhörlich.

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