Natürlich schaut man als Erstes auf seine Oberarme. Gran Dio, der Mann war italienischer Meister im Speerwerfen. Und ja, man sieht’s ihm noch immer an. Was freilich völlig irrelevant und nicht der Grund dafür ist, dass man Andreas Zagler an diesem sonnigen Februarmorgen in seinem Atelier besucht. Der Meisterschüler von Karin Kneffel hat gerade sein Diplom an der Akademie der Bildenden Künste in München abgeschlossen, mit Auszeichnung. Und es ist sehr schade, dass man einer Zeitung nicht kleine Leinwände beilegen kann. Denn wenn man zurück in die Redaktion kommt und den Kollegen vorschwärmt von den Malereien des 1996 in Südtirol geborenen Künstlers und die dann Beweise sehen wollen und man daraufhin dilettantisch geschossene Smartphone-Fotos herzeigt, hört man sich den abgedroschenen, aber immer wahren Satz sagen: Das wirkt auf einem Foto gar nicht, das muss man live sehen. Viele haben es schon getan. Deshalb wiederholt auch Zagler beim Rundgang durch sein Atelier sehr häufig einen Satz, den viele Künstler gern häufig sagen würden: „Das ist schon verkauft.“
Längst hat er eine begeisterte Sammler-Schar, die nach neuen Arbeiten giert, und wird von der Münchner Galerie Heckenhauer vertreten. Im Mai geht es für ihn zur Art Karlsruhe. Der Schwung weißer Leinwände, die an der Werkbank lehnen, zeugt davon, dass er noch einiges schaffen will bis dahin. Ganz schön schwierig mit den Käufererwartungen im Hinterkopf, oder? „Es gelingt mir glücklichweise sehr gut, mich davon freizumachen“, sagt Andreas Zagler. Und weil er das auf seine angenehm ruhige Art sagt, glaubt man ihm sofort. Er strahlt wohltuende Selbstgewissheit aus, ohne jeden Anflug von Arroganz. Den Profisportler merkt man ihm noch immer an. Das Pflichtbewusste, das Strukturierte, der Wunsch, etwas durchzuziehen, scheinen sein Erfolgsrezept. So paradox das klingt angesichts gängiger Künstlerklischees. Zagler trinkt nicht, Zagler raucht nicht. Also nur harte Drogen? Lachen. „Die Klischees, die man so kennt, stimmen nicht. Wer von seiner Kunst leben möchte, muss diszipliniert sein.“
War er immer. Schon in der Jugend: Schule, Sport auf Profiniveau, danach heim und malen. Irgendwann die Frage: Sport oder Kunst? In beidem Spitzenklasse auf Dauer unmöglich. Er entschied sich für die Kunst. Und für Kneffel als seine Professorin. Sie selbst Schülerin von Gerhard Richter, dem Übervater. Kneffel wird manchmal als seine künstlerische Tochter, ihre Schüler wiederum werden als Richters Enkel bezeichnet. Nervt ihn das? „Man würde lügen, wenn man sagt, Richter spiele keine Rolle. Er hat unseren Blick auf Malerei stark geprägt. Aber ich würde mich nie als seinen Enkel oder als Kneffels Sohn bezeichnen“, meint er schmunzelnd.
Wichtig ist ihm, seinen eigenen Stil zu haben. Vor allem: sich stetig weiterzuentwickeln, ungeachtet dessen, was gut bei potenziellen Käufern ankommt. „Man kann es sich einfach machen, indem man eine Art von Produkt entwickelt und auf verschiedene Weise reproduziert. Aber das ist auch, was Karin uns vermittelt hat: den Mut zur Veränderung.“
Und so entfernt er sich in seinen jüngsten Werkgruppen vom Gegenständlichen hin zum fantastischen Spiel mit Materialien, Farbstrukturen. In Punktebildern schafft er dreidimensionale Räume – „einfach“ dadurch, dass er Farbflecken Schatten werfen lässt. Oder verspachtelt die Leinwand mit weißer Acrylmasse, gibt darauf einen Mix aus Terpentin-Ersatz, synthetischem Harz, Nelkenöl und blauer Farbe, der schnell zu trocknen beginnt. Vier Tage hat er Zeit, ehe die glänzende Masse fest ist. In dieser Zeit lässt er alle paar Stunden einen weichen Pinsel über die Leinwand springen, arbeitet im Anschluss mit den Händen in der Farbe. Der Schaffensakt an sich wird in dem Werk sichtbar konserviert. In den ersten Arbeiten noch mit schüchterner Geste, im letzten, vielleicht dem Meisterwerk, auf den Punkt. Wen wundert’s: verkauft.
Zu Hause im Südtiroler Elternhaus liegen hunderte Auktionskataloge. Während seines Studiums hat Zagler sie gesammelt und ständig durchgeschaut. „Dadurch habe ich ein Riesensortiment an Bildern im Kopf. Als Abgleich dafür, was es schon gibt. Ich möchte nicht andere kopieren, denn wo nur wiederholt wird, gibt es keine Entwicklung.“ Auch als Künstler: immer der große Wurf.
Die Galerie Heckenhauer
vertritt Andreas Zagler; Marktstraße 13 in München, Do. 15-18, Sa. 11-14 Uhr und nach Vereinbarung unter 0172 7409 569.