Gänsehaut-Dramatik

von Redaktion

Sopranistin Lise Davidsen im Prinzregententheater

VON TOBIAS HELL

Große Stimmen laufen oft Gefahr, schnell ins dramatische Fach gedrängt zu werden. Und so wünscht man Lise Davidsen (und dem Publikum), dass die Theater ihr auf dem unvermeidlichen Weg zur Isolde noch möglichst oft und möglichst lang Abstecher zu Verdi gönnen. Denn dass sie auch im italienischen Fach mehr als überzeugen kann, bewies der neue Stern am Wagner-Himmel nun bei einem Solo-Abend im Münchner Prinzregententheater.

Natürlich durften da bisherige Glanzrollen wie die Titelrolle in Beethovens „Fidelio“ oder Wagners „Tannhäuser“-Elisabeth nicht fehlen. Und selbstverständlich sorgten die gleißenden Spitzentöne des „Dich, teure Halle“ ein weiteres Mal für laut aufbrausenden Jubel. Womit das Publikum Lise Davidsen nach gerade einmal fünf Arien im offiziellen Programmteil wenigstens das „Morgen!“ von Richard Strauss als Zugabe abtrotzte. Hier ließen sich noch einmal jene filigranen Piano-Phrasen erleben, mit denen Davidsen zuvor beim „Ave Maria“ aus „Otello“ für Gänsehaut gesorgt hatte.

Der Abschluss eines kleinen Verdi-Blocks war das, der mit einer effektvoll gesteigerten und überaus dramatischen Darbietung von „Ecco l’orrido campo“ aus dem „Maskenball“ begonnen hatte und seinen Höhepunkt im „Tu che le vanità“ aus „Don Carlos“ fand. Wobei die Norwegerin nicht allein durch Volumen und traumwandlerisch sichere Höhe beeindruckte. Auch in der Mittellage musste Davidsen nichts markieren und konnte ihren warm grundierten Sopran frei strömen lassen, ohne dabei den Text der Musik unterzuordnen.

Wie gerne hätte man ihr dazu ein Orchester gegönnt, dessen Mitglieder unter südlicher Sonne aufgewachsen sind. Doch leider war die Philharmonie Baden-Baden ebenso wie Chefdirigent Heiko Mathias Förster bei Schubert und Beethoven deutlich mehr zu Hause als im italienischen Fach. Was es umso unverständlicher machte, dass auch im zweiten, „deutschen“ Teil des Abends noch Ballettmusik aus „I vespri siciliani“ dazwischengeschoben wurde, die ähnlich routiniert dahinplätscherte wie die rasselnde „Nabucco“-Ouvertüre.

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