Wo fliegen sie denn?

von Redaktion

Im Münchner Kunstverein hat Richard Frater einen Tunnel für Vögel gebaut

VON ALEXANDER ALTMANN

Rein äußerlich sieht man es ihm überhaupt nicht an: Dass der Münchner Kunstverein heuer tatsächlich 200 Jahre alt wird, scheint fast unglaublich angesichts seines betont zeitgenössischen Auftretens. Insofern ist es kaum verwunderlich, wenn diese eigentlich altehrwürdige Institution in den Hofgartenarkaden gleich mit der ersten Ausstellung im Jubiläumsjahr quasi den Vogel avantgardistischer Kunstpräsentation abschießt. „Off season“ heißt die Schau von Richard Frater (geb. 1984), die weniger eine Installation, als vielmehr eine waschechte „Raumintervention“ darstellt.

Der in Berlin lebende Neuseeländer hat einen Flugtunnel mitten durch den Kunstverein gebaut: Auf der Nord- und der Südseite des großen, mittleren Ausstellungssaales ist jeweils eins der hoch gelegenen Fenster geöffnet, und beide sind mit einem geräumigen, rundum geschlossenen Korridor aus weißen Plastikplatten verbunden, durch den die innerstädtischen Vögel nun hindurchfliegen können. Bei Lust und Laune dürfen sie dort natürlich auch verweilen, zumal im Flugtunnel Vogelfutter ausgestreut wird.

Ob unsere gefiederten Mitlebewesen es wirklich vorziehen, diese kleine Abkürzung zu nehmen, wenn sie zwischen Hof- und Finanzgarten südlich und nördlich des Kunstvereins hin- und herfliegen, sei dahingestellt. Vielleicht denken sie sich „Bei euch piept’s wohl“ und wählen auch weiterhin den kaum längeren Weg übers Dach. Vögel sind da ja manchmal eigensinnig, wie jeder weiß, dessen Meisenknödel im Vorgarten sie arrogant verschmäht haben.

Auch wenn der Künstler mit diesem Projekt das große Themen-Fass einer Durchdringung von Natur- und Kulturräumen aufmachen möchte – wichtiger scheint fast, dass so ein Flugtunnel, wiewohl Frater das vielleicht gar nicht weiß, in München natürlich automatisch an Karl Valentin denken lässt. Dem wäre eine solch naheliegend-abwegige Erfindung nämlich ohne Weiteres zuzutrauen gewesen – weil Künstler eben zum Glück und im besten Sinn des Wortes oft einen Vogel haben.

Frater stellt das in dieser Schau mit einem weiteren Einfall unter Beweis, den als vogelwild zu bezeichnen man beim besten Willen nicht umhin kann. Der künstlerisch-ornithologische Überflieger hat nämlich am Durchgang vom ersten zum zweiten Ausstellungssaal ein Baugerüst aufstellen lassen, das bequem über Stufen zu ersteigen ist. Oben auf der Plattform kann man dann nicht nur die Kunstvereins-Räume aus der ungewohnten Vogelperspektive betrachten oder aus den sonst unerreichbaren Fenstern schauen. Nein, man kann auch in luftiger Höhe vom ersten in den zweiten Raum spazieren und dort, wieder über Stufen, auf den Boden des Kunstvereins zurückkehren. – Klar, dass bei derart beflügelnden Erfahrungen die Zeit wie im Flug vergeht…

Bis 23. April

Di. bis So. 12 bis 18 Uhr.

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