Liebe Sünde

von Redaktion

AUSSTELLUNG Das Diözesanmuseum Freising verhandelt Kirche und Sexualität

VON KATJA KRAFT

Man will den erigierten Phallus ja nicht mit der Lupe suchen müssen. Deshalb hängt neben dem nur 82 mal 49 Millimeter kleinen Original-Kupferstich von Sebald Beham (1500-1550) ein um ein Vielfaches vergrößerter Abzug. „Jedermann“ für Fortgeschrittene: Die zwei Liebenden, die nicht von ungefähr an Dürers Adam und Eva erinnern, langen beide kräftig in den Schritt des anderen. Rechts der Mammon vor übervollem Geldsack. Und dahinter? Dahinter steht der Tod, und das darf man wörtlich nehmen: Auch sein Gemächt ragt in die Höhe, seine Hände am Po und im Haar des Mannes, den Totenschädel sehnsuchtsvoll zu ihm gewandt. Da braucht’s keine Augen in den Höhlen, um die Lust zu erkennen. Die verdammte Lust.

So lautet der Titel der sehenswerten Sonderausstellung im Diözesanmuseum Freising. Und wenn man dieses aufreizende Werk des bedeutenden Grafikers Sebald Beham sieht, denkt man sich, was man schon bei der Wiedereröffnung des Hauses im vergangenen Jahr dachte: ganz schön mutig, diese Freisinger. Denn dieser Kupferstich mit dem am Bildrand eingefügten Vanitas-Spruch „Der Tod macht allem ein Ende“ ist zwar eine eindrückliche Kritik an Gier und ökonomisierter Welt, eine Warnung, dass selbst der größte Reichtum das Sterben nicht abwenden kann – bei all dem ist er aber eben auch: eindeutig unzweideutig pornografisch. Beham wurde wegen solcher Werke als „gottloser“ Mann der Stadt Nürnberg verwiesen. Wenn also Museumsleiter Christoph Kürzeder und sein Kuratorenteam diese provokante Arbeit so prominent platzieren, ist das dann plumpe Sex-sells-Effekthascherei? Nein. Es ist der spürbare Beleg dafür, wie sehr die christliche Sexualmoral uns abgehärtete Betrachter von heute noch prägt. Sofort schießen einem angesichts dieser wollüstigen Szene die großen Themen in Herz und Hirn: Verlangen! Sünde! Scham! Buße! Und wieder von vorn. Ein Teufelskreis, von der Kirche ins einstmals reine Gewissen der Menschenkinder geritzt.

Schon der Beginn der Schau ist ja für jede Frau eine Frechheit. Und deshalb so stark. An den Beginn nämlich haben die Kuratoren Guillaume de Marcillats „Disput von acht Kirchenvätern über die unbefleckte Empfängnis“ (1528/29) gehängt. Eine Kopie, das Original konnte die Gemäldegalerie Berlin aus konservatorischen Gründen nicht verleihen. Wirkt trotzdem ungeheuerlich. Da stehen sie, die Herren im prächtigen Ornat. Und diskutieren über die nackte Eva in ihrer Mitte. Wie sehr sie diesen Männern ausgeliefert ist. Doch welche Kraft zugleich in ihr steckt. Denn die Schöne mit dem Apfel anzuschauen, trauen sich die Geistlichen nicht. Aus Angst, verführt zu werden. Interessant ja: Der Mensch wird sündig durch die Sünde Evas. Danke dafür, Hochwürden.

In diesem Werk liegt alles, was die Ausstellung dann in acht aufwühlenden Kapiteln verhandelt. Raum für Raum zeigen sie, wie die Kunst vom ausgehenden Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die kirchliche Sexualmoral verarbeitet hat. Und wie die Künstler auf hinterfotzige Art Wege fanden, Bigotterie und Brutalität der Kirchenherren zu entlarven.

Von der Reinheit des Paradieses über den Sündenfall, weiter über die Versuche, mit dieser verdammten Erbsünde umzugehen. Durch Märtyrertum zum Beispiel. Keiner hat so schön gelitten wie der heilige Sebastian. Und keiner wurde dabei wohl so sehr zur (homo)erotischen Fantasie wie er, von Pfeilen (!) durchbohrt. Eigentlich hatten Kürzeder und seine Kollegen wie in der Dauerausstellung moderne Werke in die Schau integrieren wollen. Die Sebastian-Interpretation des Künstlerpaares Pierre et Gilles etwa. Doch die wirkte zu laut, zu grell. Und braucht’s auch gar nicht. Wie viel Erotik in diesen frühen Werken liegt, wird durch den Kontext vollends offenbar. Wunderschön: Jusepe de Riberas „Hl. Sebastian“ (1651), allein für die fein gemalte Brustbehaarung lohnt sich der Besuch.

Dann der Versuch, durch ein Leben im Kloster der Sünde zu entkommen. Oder sie durch Buße wiedergutzumachen. Wie Maria Magdalena, die ständig als Prototyp der Prostituierten herhalten muss. Die sexuell aufgeladenen Gemälde dieser langhaarigen Schönen machen einmal mehr deutlich, dass es Männer sind, die die christlichen Mythen – auch als Auftraggeber solcher Kunstwerke – schufen. Und dass es Männer sind, die Reinheit meist nur predigten. So ist diese Schau ein wichtiges Signal angesichts immer neuer Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche. Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, hat 2018 selbst angeregt, eine kunst- und kulturgeschichtliche Ausstellung zum Thema Kirche und Sexualität zu zeigen. „Anspruch und Wirklichkeit, kirchliche Lehre und gesellschaftliche Realität werden als in einem Widerspruch stehend wahrgenommen“, schreibt er in einem Grußwort des Katalogs. Und wünscht allen Besuchern, dass diese Ausstellung dazu beiträgt, die Augen zu öffnen. Auch „allen, die in dieser Kirche Verantwortung tragen, also auch mir selbst“.

Bis 29. Mai

Di.-So. 10-18 Uhr, Domberg 21, Tel.: 089/ 213 77 42 40;

Katalog „Verdammte Lust“, Hirmer, 670 Seiten; 80 Euro.

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