Unverschleierter Blick

von Redaktion

PORTRÄT Die deutsch-türkische Schauspielerin Sema Poyraz liebt es, Klischees zu brechen

VON KATRIN BASARAN

„Eine Nutte, ja, so eine richtige Puffmutter würde ich gern mal spielen“, sagt Sema Poyraz, und die ausdrucksstarken braunen Augen der 73-Jährigen (heute ist ihr Geburtstag) leuchten vor Begeisterung. Derzeit steht die preisgekrönte Schauspielerin in den Kammerspielen für die Produktion „Das Erbe Miras“ auf der Bühne: Als türkische Witwe Nazik Dogan betrauert sie den Tod ihres Mannes Murat, der sich in Deutschland ein gut laufendes Unternehmen aufgebaut hat – das Abbild einer erfolgreichen Migration. Da bricht die Nachricht von den rechtsextremen Anschlägen auf die Häuser türkischer Familien in Mölln über alle herein.

Oft wird die Wahlberlinerin für die Rolle der türkischen Migrantin, der Gastarbeiterin, der Mutter besetzt. Mit Kopftuch versteht sich. Wer ihr solche Rollen heute offeriert, hat keine Chance. Einfach langweilig, das Klischee zu bedienen nur um des Klischees willen. Resolut wischt Poyraz so ein imaginäres Angebot mit der Hand vom Tisch. „Ich kann auch böse werden“, sagt sie, und kurz verunsichert ihr strenger Blick, den sie aber sogleich wieder weglächelt.

In ihrem ganzen Leben hat Poyraz selten und wenn, dann aus modischen Gründen Kopftuch getragen. Obwohl sie ein Faible für Kopfbedeckungen hat. „Unsere Mutter hat hier in Deutschland in einer Hutfabrik gearbeitet“, erklärt sie sich ihre Vorliebe. Damals war sie noch klein, da prägen solche Bilder. Sie lächelt versonnen und erzählt, wie sie als knapp Elfjährige, es war 1961, mit der Mutter und der drei Jahre jüngeren Schwester Semra aus der Türkei mit dem Zug nach Deutschland fuhr. „Ich kann mich noch an die langen Tunnel erinnern“, sagt sie. Der Vater, „ein toller Kerl, ein Sportler und Abenteurer, dem die Blicke der Frauen folgten“, hatte als Trainer für das Ringerteam im baden-württembergischen Schorndorf angeheuert. Die Mutter, in Naturwissenschaften begabt, hatte bis dahin Karriere in einer Bank in Zonguldak gemacht. Das liegt am Schwarzen Meer. „Sie wollte nicht nach Deutschland. Also hat sie sich ein Sabbat-Jahr genommen – und ist 20 Jahre geblieben.“

Poyraz erzählt gern von ihrer unbekümmerten Kindheit in Schorndorf, wo sie ihre bis heute beste Freundin Verena trifft. Deren Familie, „Herr und Frau Oberle“, pflegt ein offenes Haus voller Musik und Malerei – es steht für die kleine Sema immer offen. Sie lernt Deutsch wie nebenbei, darf ans Gymnasium und ist die erste Türkin, die in Deutschland das Abitur macht. Das wird noch mehrfach so in ihrem Leben sein – dass sie als Türkin die Erste ist. An der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin macht sie 1980 ihren Abschluss in Regie, wieder ist sie die erste Türkin. „Eine echte Pionierin“, sagt sie und lacht herzhaft. Ihr Abschlussfilm „Gölge – Zukunft der Liebe“, in dem ihre Schwester die Hauptrolle spielte, ist hin und wieder noch auf Festivals zu sehen. „Abgefahren, oder?“, fragt sie. „Ich würde heute ein paar Kleinigkeiten ändern, aber das ist immer noch der einzige authentische Film über eine Migrantenfamilie.“ Und doch glaubt sie bis heute, dass ihr ein „Exotenbonus“ zumindest bei der Aufnahmeprüfung geholfen habe. Talent wohl auch, das habe sie vom Vater, der „uuunglaublich“ komisch sein konnte. Schulterzuckend sagt sie: „Ich bin manchmal sehr selbstkritisch.“

Dass ihre Herkunft bei der Beurteilung durch andere Menschen eine Rolle spielt, wird ihr in West-Berlin erstmals bewusst. Auf dem Höhepunkt der türkischen Gastarbeiterwelle, Anfang der Siebziger, gibt es häufiger Szenen wie diese: Eine Wildfremde rempelt sie auf dem Ku’damm an, stößt ihr den Ellenbogen in die Brust. Als „blöde Türkenweiber“ werden sie und ihre Schwester Semra von einer Verkäuferin beschimpft, in Restaurants ignoriert man sie. Weil sie keine Deutsche ist, bekommt sie kein Stipendium. „Ich musste mir meinen Unterhalt verdienen“, erinnert sich Poyraz – diesmal ohne Groll. „Es war halt so.“

Sie versucht es als Sozialarbeiterin in Gastarbeiterunterkünften, will Chancen und Potenzial der angekommenen jungen Frauen ausloten, sie integrieren – und gibt frustriert auf. „Die haben gar nicht verstanden, was ich will! Was ich als 22-Jährige denn in einem Heim für drogenabhängige kurdische und türkische Jugendliche mache? Die haben gedacht, ich wäre eine Nutte.“ Sie weiß sich zu wehren: „Vater hatte mich schon als Fünfjährige das Boxen gelehrt.“ Dann lacht sie: „Jahre später, wenn ich in Berlin-Kreuzberg in einem Café oder Imbiss saß, hieß es oft: Die Rechnung ist schon bezahlt. Das waren meine Jungs von damals – und ich kam mir vor wie eine Dorfschullehrerin.“

Poyraz ist heute längst eine gefeierte Theater-, Film- und Fernsehschauspielerin. Steht mit beiden Beinen fest im Leben, wie man so schön sagt. Sie ist geschieden, Single, kinderlos, mit einem großen Freundeskreis. Für manchen Besucher kocht sie auch noch nach Mitternacht – türkische Manti mit Joghurt und Knoblauchsoße liebt sie, Istanbul und ihre Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Am Maxim Gorki Theater in Berlin ist sie seit 2019 festes Ensemblemitglied. Doch fühlt sie sich heute vor allem im Beruf oft diskriminiert: „Mit der Islamisierungswelle vor etwa zehn Jahren, als plötzlich die jungen Frauen wieder verstärkt ihre Kopftücher trugen, sich verschleierten, dafür sogar demonstrierten – hach, da könnte ich in die Luft gehen! So jung und so rückständig.“ Kurz holt sie Luft, schüttelt den Kopf: „Ich erlebe seither, dass man mich oft für Kopftuchrollen anfragt“, fährt sie, die bekennende Atheistin, ruhig fort. „Ich sage immer dieselben Sätze. Oder ich darf stumm hinter dem türkischen Ehemann durchs Bild laufen. Schlimm. Eine Frechheit!“ Die Lieblingsrolle ihrer langen Laufbahn? „Ich liebe ,Angst essen Seele auf‘, damals im Berliner Ballhaus. Weil ich da eine faschistoide, deutsche, ausländerfeindliche Putzfrau spielen durfte – und zwar mit Inbrunst.“

Viele Geschichten hat Sema Poyraz zu erzählen und man hört ihr gern zu. Ein Buch sollte sie schreiben: „Nein, ich mag das nicht, denn Schreiben ist so eine einsame Sache.“

„Das Erbe Miras“

in den Münchner Kammerspielen ist das nächste Mal am 23. März zu sehen; Karten: 089/ 23 39 66 00.

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